Mittwoch, Februar 18, 2026

Dissidenten der Onlinediktatur

Nicht die KI dient dem Menschen, sondern der Mensch der KI. Turbo-Kapitalismus und Tech-Faschismus machen uns zwar arbeitslos und machtlos, doch sie brauchen unseren Input. Es wird Zeit, die Onlinediktatur zu boykottieren.

Der Philosoph Luca di Blasi hat in der aktuellen Ausgabe von DIE ZEIT (No. 7, 12. Februar 2026, S. 45) einen höchst bemerkenswerten und lesenswerten Artikel geschrieben, der uns kenntnisreich vermittelt, wie weit die Ausbeutung des sogenannten Users im Web gediehen ist; wie wir – kurz gesagt – täglich kostenlos für Onlineplattformen arbeiten.

Seit der Entwicklung des Captcha vor etwas mehr als fünfundzwanzig Jahren ist man dazu übergegangen, Userinput zu speichern und zu analysieren. Das sogenannte »Deep Learning« kann zwar nicht menschliche Erkenntnis speichern, aber es analysiert millionenfach menschliches Verhalten.

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Beispielbild eines typischen Captcha

So hat sich über ein Vierteljahrhundert die Ausbeutung von Millionen kostenlosen (und freiwilligen) Arbeitskräften etabliert. Luca di Blasi:

Das Captcha ist nur eine harmlose Miniatur dieses Systems. Es zeigt, dass unbezahlte kognitive Arbeit längst das grundlegende Geschäftsmodell des Internet bildet. Wir schreiben Rezensionen, pflegen Profile, bewerten, markieren, empfehlen – unermüdlich und unbezahlt. Jede dieser Mikrohandlungen liefert Daten, aus denen sich neue Produkte, Werbestrategien, Userprofile und Trainingssets gewinnen lassen.

Was mit diesen Daten gemacht wird, wird uns als Tools, die scheinbar dem Lernen oder dem Kommunizieren dienen, wieder zurückgeliefert. Wir kaufen Anwendungen, für deren Entwicklung wir selbst gearbeitet haben, und liefern dort wieder neuen Input.

Die Plattformökonomie hat also eine Form von Arbeit geschaffen, die nicht mehr als solche gilt. Sie kommt als Spiel daher (Duolingo), als Kommunikation (Social Media) oder als Hilfsbereitschaft (Bewertungen, Likes). Die Belohnung: etwas Aufmerksamkeit, ein Gefühl von Zugehörigkeit, ein Moment von Selbstwirksamkeitsillusion. Doch der eigentliche Lohn fließt anderswo. Die Konzerne monetisieren diese kollektive Intelligenz milliardenfach.

All das erscheint Ihnen immer noch virtuell? Dinglich und somit angreifbar wird dieses Prinzip bei der Produktion von sogenannten Slops, trashigen Billigartikeln, die millionenfach produziert und schnell zugesandt werden:

Aggressiv werbende chinesische Shopping-Plattformen wie Shein oder Temu repräsentieren vielleicht am grellsten die Industrialisierung des Slop-Prinzips: Sie übersetzen digitale Beliebigkeit in Stoff, Faden und Plastik. […] Die Plattformen lesen Klicks, Farben, Hashtags und verwandeln sie in stoffgewordene Reaktionsware: Tausende neue Artikel täglich (!), kaum unterscheidbar und sofort ersetzbar.

So tritt aus dem virtuellen Raum das reale Produkt, ein Rechenergebnis, das dadurch attraktiv wird, dass es die Durchschnittlichkeit noch unterbietet. Ökonomisch und ökologisch aber richtet es maximalen Schaden an:

Die Plattformen Shein und Temu sind keine Entgleisung der Mode, sondern ihre logische Fortsetzung im Zeitalter des KI-Extraktivismus: ein System, das Daten in Dinge verwandelt und den Müll gleich mitliefert. Der Schatten des digitalen hat reale Körper bekommen. Und kaum sichtbar irgendwo dazwischen: gnadenlos ausgebeutete Clickworker und Billiglöhnerinnen in Textilunternehmen.

Nicht zu vergessen: der soziale und ökologische Wahnsinn der Zulieferindustrien und der Schaden an der Nahversorgerwirtschaft. Vor allem unsere Kleinstädte mit einst blühenden Geschäften, die dem Konsumenten in jeder Hinsicht nah waren, verwahrlosen. Stadtzentren werden Wüsten mit Geschäftsruinen, während an den Speckgürteln überdimensionierte Einkaufszentren entstehen (da redet nie jemand über Bodenversiegelung). Aber auch diese Einkaufszentren werden dem Onlinehandel bald zum Opfer fallen und selbst verwahrlosen.

Was also tun? Ich bin davon überzeugt, dass es heute wichtig ist, große Initiativen zu schaffen, die Onlineplattformen boykottieren. Ein Leben ohne Google, Amazon, Temu und ähnlichen Plattformen ist möglich. Die Gemeinschaft dieser digitalen Dissidenten wird sich auf andere Weise zusammenschließen – auf analoge Weise, indem man sich trifft und andere kennt. Sie wird gemeinsam an der Analyse von Unternehmen arbeiten und wissen, welche sie boykottiert und warum. Wenn sie eine kritische Masse erreicht, die den Tech-Ausbeutern Grenzen aufzeigt, wird sie auch erfolgreich sein.

Wenn wir konsumieren und auch digital konsumieren, dann sollten genossenschaftlich organisierte Plattformen entstehen, die die Art, wie sie funktionieren, auch offenlegen, Open Source Software verwenden und eine Transparenz einhalten, die vielleicht erst genauer zu definieren ist. Beginnen müssen wir damit aber jetzt.

Autor Luca di Blasi bleibt gerade in diesem Punkt vager als in der sonst so konsequenten Analyse:

So unmöglich und fragwürdig der vollständige Ausstieg erscheint – noch nie war gleichzeitig Dissidenz so einfach. Schon mit einem simplen Spaziergang ohne Smartphone und Smartwatch entziehen wir uns der digitalen Datenbeschaffung. Ebenso mit dem Lesen eines gedruckten Buches. Vielleicht wird man Lust daraus beziehen, dem System Extraktionsmöglichkeiten zu nehmen. Und vielleicht beginnt das mit einem kleinen Akt des Aufbegehrens – beim nächsten Captcha, das uns auffordert, Ampeln zu zählen.

Das scheint mir ein wenig vorsichtig. Vergessen wir nicht: Aus Userinput hat die Firma Palantir eine Waffe geschmiedet, die nun an Polizeien in der ganzen Welt verkauft wird; eine Waffe, die uns auffinden und töten kann. Und wer glaubt, dass der Tech-Faschismus niemanden töten wird: Renée Good und Alex Pretti wurden erschossen. Und wer glaubt, dass dieses Töten nicht zu uns kommt, der begeht einen historischen Fehler noch einmal: Faschismus für ungefährlich zu halten.


Titelbild: Manon Véret

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

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