Montag, Januar 5, 2026

Wie das Internet kaputt gemacht wurde

Die düstere Psychologie von Social Media: Wir haben Heroin verboten, aber soziale Medien erlaubt. Verrückt eigentlich.

Wir haben Kokain und Heroin verboten, aber Soziale Medien erlaubt. Und das, obwohl letztere heute sicherlich schlimmere Folgen für die Gesundheit der Menschen haben, als es harte Drogen in Summe je haben könnten. Die Verheerungen und Verwüstungen, die soziale Medien mit sich bringen, sind heute gut bekannt: Depressionen, sinkende Lebenszufriedenheit, Konzentrations- und Angststörungen, vom Negativismus und der Radikalisierung ganz zu schweigen. Gemeinheit bis einer heult, Mobbing bis zum Suizid. Warum lassen wir das überhaupt zu?

Noch einmal: Heroin verbieten, aber Twitter erlauben? Wie verrückt ist das eigentlich?

Diskussionen über die unheilvollen Wirkungen der heutigen Internet-Architekturen kreisen heute primär um die Folgen für Kinder, Teenager und die heranwachsende Generation. Einerseits: Aus gutem Grund, denn es sind die Verletzlichsten einer Gesellschaft. Andererseits: Als könnten Ältere all das viel besser beherrschen und wegstecken. Wir wissen natürlich, dass das eher nicht der Fall ist.

„Wie sehr fördern soziale Medien asoziales Verhalten, wie sehr machen sie süchtig und krank?“ fragte unlängst etwa die „Süddeutsche Zeitung“. Von der „dunklen Psychologie sozialer Netzwerke“ schrieb das US-Magazin „The Atlantic“ schon vor vielen Jahren.

Algorithmen funktionieren wie Drogen

„Den Plattformen, so sind sie gebaut, nützt es, wenn wir süchtig werden. Je tiefer wir versinken, je länger wir an sie gekettet sind, desto mehr verdienen sie. ‚Dark Patterns‘, dunkle Mechanismen, nennt Kerstin Paschke die Suchtverstärker, die die Tech-Konzerne in ihre Plattformen eingebaut haben. Der Like-Button: Belohnung. Punktabzug bei baldigem Ausstieg aus einem Spiel: Bestrafung. Glücksspielelemente, auch beim Gaming. In Social Media: Emotionalisierung – neutrale, recherchierte Informationen binden die Nutzer am wenigsten, am meisten packen die Nutzer negative Emotionen. Konflikt. Extremes. Dann die Personalisierung. Das Scrollen bis in die Unendlichkeit.“ (Süddeutsche Zeitung).

Die Plattformen funktionieren wie Drogen. Negativismus wird geschürt, die Algorithmen leben davon, uns Ärger und Empörung ins Gemüt zu pflanzen, oder Selbstzweifel und Konkurrenz. Worüber wir uns einmal schon erregt haben, das wird uns ab dann immer wieder in die Timeline gespült. Auf einen Kick braucht man bald einen neuen und härteren Kick, wie bei der Überbietungslogik, die den Junkie prägt. Herdentrieb wird verstärkt und damit auch das Gewissen außer Kraft gesetzt. Wird ein Außenseiter markiert, dann wird er gleich von allen gejagt. Der Fernsehphilosoph Richard David Precht sagte unlängst, „Shitstorm ist für mich ein modernes Wort für Pogrome“, und wurde dafür naserümpfend von den üblichen Besserwissern ins Lächerliche gezogen, als weinerlicher Typ, der rumheult, wenn drei Leute im Netz etwas Höhnisches über ihn sagen. Dabei weiß natürlich jeder, dass er in einer wichtigen Hinsicht recht hat: Die sozialpsychologischen Dynamiken eines Shitstorms sind die gleichen wie bei Pogromen.

Social Media als Unglücksmaschinen

Es ist heute völlig unbestreitbar: Der Sog, in die uns die Plattformen hineinzuziehen versuchen, damit wir nur ja nicht zur Konkurrenz ausweichen oder unsere Zeit anderswo verbringen, macht die Menschen depressiv. Er verändert die Architektur unserer Gehirne, wie alles, was wir obsessiv und versessen betreiben, und umso ärger ist dies, wenn man in etwas hinein manipuliert wird. Selbstredend hat das bei jungen Menschen noch fatalere Auswirkungen, da deren Gehirne gerade Synapsenverbindungen kappen und neu knüpfen, ein Vorgang, den der Volksmund Pubertät nennt. Angststörungen nehmen zu, wenn das digitale Mobbing zur permanenten Möglichkeit wird, und man dauernd mit einem gewissen Alarmgefühl die Instagram-Timeline „refreshed“, also aktualisiert. Am rechten Extremismus und Neuen Faschismus sieht man, wie Menschen, wenn man sie permanent mit negativen Botschaften beschießt, in eine Paranoia getrieben werden können, in einen Tunnelblick und völlige irreale Parallelrealität. „Kann die Demokratie das Internet überleben?“, habe ich schon vor fast 15 Jahren ironisch gefragt, damals hat man mich noch ausgelacht dafür.

Das größte Arschloch bekommt den größten Zuspruch – so in etwa ist das Anreizsystem der Social Media konstruiert, und das verwandelt die politisch engagiertesten Bürger in einen „Demokratie-Albtraum, in Brandstifter, die darin wetteifern, wer die krassesten und explosivsten Posts und Bilder absetzt, die sich in Windeseile über das ganze Land verbreiten“ (The Atlantic). Einer solchen Technologie aus der Hölle setzen wir unsere Mitbürger, uns selbst, unsere Kinder und unsere Demokratien aus und wir verwandeln uns alle in Versuchskaninchen eines diabolischen Menschenexperiments von Frankenstein-Ausmaßen.

Zieht X den Stecker, reguliert die anderen.

Wir lassen es zu, dass jemand wie Elon Musk die bis dahin wichtigste Microblogging-Nachrichten-Plattform kauft und die in ein regelrechtes Shithole, ein Drecksloch verwandelt, in eine Schleuder faschistischer Propaganda. Die EU-Regierungen sind nicht einmal in diesem Fall mannhaft genug, diesen Dreck in Europa einfach abzudrehen. Nicht einmal entschlossene Regulierung wagt man, also dass man die Plattformen dazu zwingt, ihre Algorithmen menschen- und zivilisationsverträglich zu gestalten. Zieht doch wenigstens x einfach den Stecker!

Desinformation überschwemmt die Plattformen. Verliebt in die Technik, haben wir uns selbst zu Versuchskaninchen in einem toxischen Experiment gemacht. Weil stets die Gefahr lauert, dass Technologiekritik zu konservativer Kulturkritik wird, zu klebrigem Nostalgismus und Anti-Fortschritts-Gelaber, hat man die Plattformen tun lassen, was sie wollen.

„Zoe (12) hat noch nie eine Kuh gesehen, dafür aber viele Schwänze“, plakatiert eine deutsche Kampagne zur Netzregulierung. Klingt krass und schrill, aber da ist schon was dran. Und klar, es ist nicht so wichtig, eine Kuh zu sehen.

Der dumme Vorwurf der Technologiefeindschaft

Der Vorwurf der „Technologie“- und „Fortschrittsfeindschaft“, dem sich jeder einhandelt, der das Offensichtliche anspricht, ist selbst nur Ideologie. Durchschaubar: Die Tech-Milliardäre wollen weiter ungestört tun, was sie wollen. Wenn jemand den Milliardären auch nur ein wenig an ihr fürchterliches Treiben und ihr Geschäftsmodell will, dann treten sie gleich Diffamierungskampagnen los, wie gegen die EU-Kommissionspräsidentin, die sie von ihren Bütteln als „Zensursula“ niedermachen lassen. Zwanzig Jahre ist es her, da glaubten viele noch an die Phantasie vom demokratischen Internet und sogar von der „Schwarmintelligenz“. Heute ist eher die „Schwarmdummheit“ verbreitet – und die Techwelt so monopolisiert und zentralisiert wie keine andere Branche. Oligarchen herrschen, sind so reich und mächtig geworden, dass sie sich die Politik kaufen können. Ein Demokratie- und Wettbewerbs-Albtraum.

Technologie ist nie neutral. Ob sie nützliche oder schädliche Wirkungen entfaltet, wird nicht nur dadurch bestimmt, wie „der Einzelne“ sie benützt (dieses pseudoliberalistische Gequatsche überfordert die Individuen). Entscheidend ist, welche gesetzlichen Regeln und Schranken man einbaut. Das war schon immer so. Die industrielle Revolution brachte auch zunächst eine beschleunigte Verelendung, 11-Stunden-Arbeitstage, schreckliche Zustände in den Fabriken, Kinderarbeit und ein Heer von Versehrten, von denen die wenigsten mit allen Gliedmaßen ihr Arbeitsleben beendeten. Aber dann wurde reguliert (Normalarbeitstag, Arbeitsinspektorat, Arbeitssicherheit), Kinderarbeit wurde verboten, und in heftigen Arbeitskämpfen wurden höhere Löhne durchgesetzt. Die gut ausgebildeten Facharbeiter wussten auch, dass sie für die Fabrikanten nicht so leicht zu ersetzen sind und konnten Verbesserungen durchsetzen. Erst all das zusammen führte dazu, dass die technologische Entwicklung zum Vorteil der Nationen eingesetzt wurde statt zu deren Nachteil, dass Wohlfahrt und Lebensstandard wuchsen und ein Konsumkapitalismus entstehen konnte, der von der Massenkaufkraft getragen war. Also: Weder das Maschinenstürmen war die richtige Antwort auf das Elend, das die technologische Revolution brachte, noch das reine, regellose Gewährenlassen der Kapitalisten und Oligarchen, also das berühmte „Laissez-Faire“, für das diese stets trommelten.

Nicht alles ist Fortschritt – von der Steinschleuder zur Atombombe

Man muss ja auch kein „Fortschrittsfeind“ sein, um zu wissen, dass der Begriff auch etwas Hohles hat. Einerseits ist der Fortschritt in der Menschheitsgeschichte unbestreitbar, andererseits ist natürlich auch zu fragen, was der Fortschritt von der Steinschleuder zur Atombombe gebracht hat.

Die Lebenszufriedenheitskurve war bis vor einigen Jahren ein „U“. Kinder, Teenager und junge Leute waren mehrheitlich zufriedener, in der Mitte des Lebens (wenn der Stress dominiert, man Job, Aufstieg, Arbeitsdruck, oft auch noch Kinder und Familie jonglieren muss) waren die Leute am unglücklichsten, und später stieg dann wieder die Durchschnittsglück. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich diese Lebens-Glücks-Kurve aber dramatisch verändert. Sie ist kein U mehr, sondern ein liegendes L. Teenager und Junge sind heute viel unglücklicher, die Leute mittleren Alters auch, nur wenn das Seniorenalter winkt, werden die Leute zufriedener. Es gibt dafür sicher mehrere Faktoren, vom Druck, den die Jugendlichen schon in der Schule spüren („wer nicht spurt, wird ein Loser sein“), bis zu den Folgen der Pandemie und Isolation. Aber der Hauptfaktor ist das Internet. Denn diese Verschiebung der Kurven setzte etwa um das Jahr 2014 ein, als sich Social Media und Smartphones flächendeckend durchgesetzt hatten.


Titelbild: Miriam Moné

Autor

  • Robert Misik

    Robert Misik ist einer der schärfsten Beobachter einer Politik, die nach links schimpft und nach rechts abrutscht.

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