Mittwoch, Februar 18, 2026

“Irre Zeit”: Die wundersame Wandlung der Sobotka-Mitarbeiterin P.

Der Pilnacek-U-Ausschuss geht am Mittwoch zunächst mit der Befragung von Ex-Sobotka-Mitarbeiterin Anna P. weiter. P. hatte brisante Aussagen zu Wolfgang Sobotka und Michael Takacs getätigt – und später zurückgenommen.

Dass die gesamte Causa Pilnacek immer wieder in Richtung ÖVP-Spitzenpersonal führt, hängt vor allem auch mit einer Person zusammen, die am Mittwochvormittag im U-Ausschuss Platz nehmen wird: Anna P.

Über die Jahre war die Niederösterreicherin zunächst im BMI-Kabinett von Wolfgang Sobotka, anschließend in dessen Büro als Nationalratspräsident und später in der ÖVP-Parteiakademie beschäftigt. Gleichzeitig war sie Bewohnerin jenes Rossatzer Hauses, in dem Christian Pilnacek in den Monaten vor seinem Tod ein und aus ging; sie holte Pilnacek nach dessen Geisterfahrt ab, suchte und identifizierte ihn am Morgen des nächsten Tages gemeinsam mit Karin Wurm. Mehrmals telefonierte sie in der Früh mit Michael Takacs, Bundespolizeidirektor und ÖVP-Mann, den sie aus ihrer Zeit im Kabinett kennt. Takacs bekam von ihr auch quasi „live“ am Telefon mit, dass Pilnacek gefunden worden war.

Fest steht jedenfalls, dass P. in den Wochen und Monaten nach Pilnaceks Tod Zweifel an der offiziellen Darstellung der Ermittlungen äußerte. Sie tat dies mehrfach gegenüber Dritten und Journalisten. Vom privaten Pilnacek-Laptop, der nie an die niederösterreichischen Ermittler übergeben wurde, hätte sie dem Bundespolizeidirektor erzählt, der ihr geraten habe, diesen „verschwinden“ zu lassen. Takacs widerspricht dem vehement, und auch P. widerrief dies – wie so vieles – später schließlich.

ZackZack liefert mithilfe von Ermittlungsakten einen Überblick über P.s bisherige Äußerungen – und darüber, wie sich diese im Laufe der Zeit auf verblüffende Weise änderten.

Einvernahme am Todestag: “Keine Suizidgedanken geäußert”

Um 14:18 Uhr, wenige Stunden nachdem Pilnaceks Leiche gefunden wurde, saß Anna P. auf der Polizeiwache in Mautern und schilderte gegenüber Chefinspektor Fellner ihre letzten Wahrnehmungen zum Verstorbenen. Sie berichtet von der Abholung bei der Tankstelle, wo Pilnacek “in Begleitung von 2 Zivil-Polizisten und 2 Uniformierten” gewartet hätte. Konkret wurde sie vom Ermittler auf Selbstmord angesprochen: “Auf Befragen gebe ich an, dass er keine Suizidgedanken äußerte und auf mich auch nicht depressiv gewirkt hat. Er war nur „angefressen“ über die Führerscheinabnahme.”

Das nur zwei Seiten umfassende Einvernahmeprotokoll gestaltet sich knapp. Weiters gab P. etwa an, dass sie “Christian schon seit Jahren kenne und er aufgrund der Beziehung zu Karin [Anmerkung Red.: Wurm] in letzter Zeit viel besser drauf war. Die neue Beziehung hat ihm gut getan. Er hatte auf mich nie einen depressiven Eindruck gemacht. Ich gehe davon aus, dass er gestern eine Kurzschlusshandlung gemacht hat.”

Das Nikbakhsh-Tape und die wortreichen, heiklen Aussagen

Mittlerweile berüchtigt ist das Transkript einer Tonaufnahme, die der Investigativjournalist Michael Nikbakhsh am 9. Dezember 2023 heimlich zu Dokumentationszwecken anfertigte. P. und Wurm waren damals gemeinsam mit Krone-Journalist Erich Vogl, Peter Hochegger und Christian Mattura im Büro von Nikbakhsh zusammen gekommen, um über auffällige Wahrnehmungen der Frauen nach Pilnaceks Tod zu sprechen.

Dort kam rasch zur Sprache, dass P. den privaten Laptop von Pilnacek einbehalten und das Gerät auch gegenüber Wolfgang Sobotka erwähnt hätte: “Wir sind dann am Sonntag drauf (Anm.: gemeint ist der 22. Oktober 2023), seine Frau ist Therapeutin, habe ich gesagt, Marlies, können wir kommen, weil wir wirklich fertig waren. Und ich zu tausend Prozent habe ich dann oben gesagt, sag ich: Ja, du, ich habe den Laptop, den habe ich natürlich nicht übergeben und USB-Sticks. Dann hab ich noch gemeint, dann schaust halt, was drauf ist auf die USB-Sticks, sagt er: „Nein, lieber nicht, dann sind die Fingerabdrücke oben“, heißt es im Nikbakhsh-Transkript. Am 30. Oktober sei ihr von Sobotka laut Transkript auch “das erste Ergebnis” der Obduktion, die vier Tage zuvor stattfand, mitgeteilt worden. P. sei diese Zeit jedenfalls “dubios” vorgekommen, sie erhoffte sich Fotos und Infos aus den Ermittlungen, weil sie den Auffindungsort gut kannte und die Todesumstände “nicht in den Schädel hinein” bekam. “Da stimmt was nicht”, hätten ihr gegenüber auch andere aus dem Ort, unter anderem ihr bei der Feuerwehr tätige Bruder, bemerkt.

Vom Laptop hätte sie laut Transkript zudem auch Bundespolizeidirektor Takacs erzählt: “Wer es weiß, ist der Takacs Michl, weil der hat zu mir gesagt: „Ja nicht hergeben“ Und: “Hat er gesagt: „Lasst‘s ihn verschwinden.“” Er hätte zu P. weiters gesagt: „Anna, schau durch, ob sich irgendwelche Dateien nicht öffnen lassen können, die wären vielleicht interessant, aber ja weg von euch.” Michael Takacs bestreitet diese Darstellungen. Es war jedenfalls nicht das einzige Mal, dass P. damals diese heiklen Aussagen tätigte. Auch der Ex-Krone-Journalist Erich Vogl hatte zuvor separat Kontakt zu Anna P. und bestätigte bei Gericht die Schilderungen zu Sobotka und Takacs.

P. gab bei WKStA an, nichts vom Laptop zu wissen

Bei ihrer Einvernahme bei der WKStA am 23. Mai 2024 machte P. dann Angaben, die sich später als unhaltbar herausstellten. Zur Erinnerung: Die WKStA ermittelte damals wegen möglichen Amtsmissbrauchs niederösterreichischer Polizisten im Zusammenhang mit den Pilnacek-Ermittlungen, sie stellte das Verfahren später ein. Zum Verbleib von Pilnaceks Laptop befragt, sagte P. konkret: „Ich habe keine Wahrnehmung dazu. Er war oft in Rossatz und hat am Laptop getippt, aber wann ich diesen zuletzt gesehen habe, weiß ich nicht mehr.“ Wie die Daten des Laptops bei ZackZack, aber auch bei der WKStA, landeten, konnte sie sich nicht erklären: “Wie gesagt kann ich mich nicht erinnern, wann ich die Tasche oder den Laptop zuletzt gesehen habe.”

P. erzählte aber auch, dass sie nach der Abholung Pilnaceks bemerkte, wie dieser am Handy tippte. “Was und mit wem, weiß ich nicht. Ich würde sagen, das waren ca. zehn Minuten.” Gegenüber den Ermittlern der WKStA ging P. noch auf mehrmaligen Kontakt mit Michael Takacs ein. Dieser habe sich demnach erkundigt, wie es ihr gehe. „Telefonate auf freundschaftlicher Ebene“ seien das gewesen.

Die Gegendarstellung im Jahr 2025

Die Buch-Veröffentlichung von “Pilnacek – Der Tod des Sektionschefs” brachte P. Anfang 2025 in die Bredouille. Dort wurden erstmals die Aussagen des Nikbakhsh-Tapes erwähnt und P. in einem Medienprozess dazu befragt: “Aufgrund von Ausführungen im Buch von Herrn Pilz und der medienöffentlichen Buchpräsentation bin ich der Gefahr der behördlichen Verfolgung ausgesetzt und mache vom Recht Gebrauch, diese Frage nicht zu beantworten“, so P. am 26. Februar 2025 am Wiener Landesgericht.

Zweieinhalb Monate später, am 6. Mai 2025, gab P. dann gegenüber der WKStA eine “zweite Stellungnahme” ab, in der sie Fragen schriftlich beantwortete, die Behörde ermittelte wegen falscher Zeugenaussage: “Entgegen der medialen Berichte und diverser Aussagen, hat P. nach dem Ableben von Mag. Pilnacek Takacs nicht vom Laptop erzählt”, heißt es im von ihrer Anwältin übermittelten Schreiben. “P. hält hiermit klarstellend fest, dass das medial verbreitete bzw. in diversen Aussagen Dritter verwendete Zitat betreffend „Laptop verschwinden“ und „er soll weg von euch“ definitiv nicht von Michael Takacs zu P. gesagt wurde. Dieser hatte keine Kenntnis vom Laptop.” Auch Wolfgang Sobotka wurde nun aus dem Spiel genommen: “P. hat auch Mag. Sobotka nicht erzählt, dass Frau Wurm und sie den Laptop hatten, sohin hat P. Mag. Sobotka auch nicht gefragt, was sie mit dem Laptop machen soll.”

Alles in allem also ein bemerkenswerter Sinneswandel, den die langjährige ÖVP-Mitarbeiterin in eineinhalb Jahren hinlegte. Im Medienprozess zum Pilnacek-Buch lieferte P. im Dezember zuletzt als Erklärung für ihre früheren Aussagen, dass sie sich “vielleicht interessant machen wollte”. Es sei “eine irre Zeit” gewesen, so P. mantraartig. Weitere Erläuterungen werden wohl am heutigen Ausschusstag folgen. ZackZack berichtet per Live-Ticker aus dem Parlament.


Titelbild: Glanzl, ZackZack

Autoren

  • Thomas Hoisl

    Ist seit April 2024 bei ZackZack. Arbeitete zuvor u.a. für "profil". Widmet sich oft Sicherheitsthemen oder Korruptionsfällen.

  • Daniel Pilz

    Redakteur. Studierte Philosophie an der Uni Wien. Schwerpunkte liegen in der Innen- und Europapolitik, sowie im Konsumentenschutz.

ZackZack-Shop
webseitenewsletter banner (8)
LESEN SIE AUCH

Liebe Forumsteilnehmer,

Bitte bleiben Sie anderen Teilnehmern gegenüber höflich und posten Sie nur Relevantes zum Thema.

Ihre Kommentare können sonst entfernt werden.

25 Kommentare

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
25 Kommentare
Meisten Bewertungen
Neueste Älteste
Inline Feedbacks
Zeige alle Kommentare