Donnerstag, Februar 19, 2026

Jung, rechts, brutal

Wenn der Lehrer flüchten muss: Wie verhärtete rechtsextreme Weltbilder unter der Jugend grassieren.

Auf den Vorderbühnen unserer Gesellschaften tut sich Bedrohliches, wir sehen es jeden Tag: Autoritäre Regimes, die allmähliche – und rasante – Faschisierung vormals rechtspopulistischer Parteien, eine Rhetorik der Grausamkeit. Hunderttausende Leute, die ins Internet hineinschreiben, wie sie sich allerlei Schrecklichkeiten ausmalen, die man den inneren Feinden antun könnte – und die an diesem Ausmalen eine grelle Freude haben. Aber es ist nur die Vorderbühne. Das, was für alle sichtbar ist, sofern man sich bemüht, hinzusehen.

Dann gibt es aber auch das Geschehen auf den Hinterbühnen. Das ist in gewisser Weise unsichtbar, oder jedenfalls für all jene von uns, die keine Teenager sind und keine Teenager-Kinder mehr haben. Die allenfalls nur mehr lose verbunden sind mit den Lebenswelten der 15jährigen, der 16jährigen, aber zu diesen keinen direkten Zugang mehr haben.

Vorderbühne und Hinterbühne beeinflussen sich wechselseitig.

Lieber Mobster als Opfer

Jugendliche und junge Erwachsene, die berichten, wie sie gemobbt werden, weil sie irgendwie anders sind, weil sie queer, links, sonstwie „abweichend“ sind. Oder nur als solches angesehen werden. Gemobbt, bedroht, zusammengeschlagen von rechten Jungs-Banden. Jungsbanden, für die es cool ist, gegen Ausländer, Juden, Schwuchteln und so weiter zu sein. Kinder, für die ein wesentliches Tor zur Welt Internetplattformen sind, auf denen sie täglich bombardiert werden mit rassistischen und bösartigen Botschaften, in einem Stakkato, dass man am Ende nur mehr diese Botschaften erhält – und einer echten Gehirnwäsche unterzogen wird.

„Normale“ Botschaften nehmen sie schon gar nicht mehr wahr, denn die einstmals etablierten Medien und deren Regeln der Diskurse („Ausgewogen, abgewogen, gemäßigt“) sind für die Erregungsportale einfach nicht geeignet. Außerdem sind sie in der knalligen Contentproduktion einfach nicht so gut wie die Menschenverhetzer. Und können es auch gar nicht sein: Denn, wenn sie sich auf das Spiel der aufmerksamkeitsökonomischen Versimpelung und Aufganselei einlassen würden, würden sie die Glaubwürdigkeit, von der sie ja auch leben, sofort verspielen. Wenn der Journalist zum Influencer wird, um die Jugend zu erreichen oder sich gar eine „Fan-Base“ aufzubauen, verliert er sogleich sein symbolisches Kapital als Journalist.

Wir haben uns – und unsere Kinder – zu Versuchskaninchen in einem großen Laborexperiment namens Social Media gemacht. Die Hamburger „Zeit“ hatte vergangene Woche eine riesige Drei-Seiten-Reportage über Geschehnisse an deutschen Schulen – Ost und West, Großstadt und Provinz, Kleinstadt und Hinterland. Ein erschütterndes Zeitdokument. Was man da so zu hören bekommt: „Die machst uns schwul, wenn Du uns anfasst.“ Hitlergrüße, White-Power-Symbol. Ganze Abijahrgänge, die sich als Jahrgangsmotto Begriffe wie „NSDABI“ ausdenken (quasi eine Mischform aus NSdAP und Matura), alltäglicher Türkenhass, Klassen, die zerrissen sind. Das N-Wort fällt sowieso dauernd. Blöde Auschwitz-Witze gehören zum Alltag. Lehrer, die so arg bedroht werden, dass sie von Staatsschutz und Polizei von daheim in Nacht-und-Nebel-Aktionen evakuiert und an sichere, unbekannte Adressen gebracht werden. Die Liste ist endlos.

Kältestrom und Wärmestrom

Und es sind eben nicht nur krasse Einzelfälle – sondern Beispiele einer flächendeckenden, relativen Hegemonie. Nicht alle, nicht einmal die Mehrheit der Jugendlichen ist rechtsextrem, das ist schon klar: Aber es gibt eine verfestigte bedeutende Minderheit, und sie ist zusammengeschweißt. Für sie gilt, was für die Jugend immer schon gilt: Krass ist attraktiv, gegen die Welt, die Welt der Eltern, die Welt der hergebrachten Macht zu sein, das hat eine Anziehungskraft.

Und natürlich gilt: Wo dazugehören hat eine totale Anziehungskraft. Diese Männlichkeitskulturen, diese Outcast-Romantik, sie leben ja nicht nur von den „negativen Gefühlen“ wie Hass, sie leben auch vom positiven Zugehörigkeitsgefühl und der Botschaft: Es ist okay, wie Du bist – auch wenn Dir andere was anderes einreden wollen. Es ist okay, deutsch zu sein. Es ist okay, stolzer Nationalist zu sein. Es ist okay, ein harter Typ zu sein. Es ist okay, das Männliche raushängen zu lassen. Nicht wenige machen wohl einfach nur mit dabei, um selbst auf der sicheren Seite zu sein: Wenn du nicht zu den Mobstern gehörst, wirst du selbst gemobbt. Besser Mitläufer beim Bösen als Opfer. Kältestrom und Wärmestrom, das Dagegen und das Miteinander, das macht diese Attraktivität aus. Außerdem fühlt man sich als Insider, als Teil einer verschworenen Gemeinschaft, und für menschenfreundliche Labertaschen (also Leute wie Sie und mich) hat man da nur Hohn und Verachtung übrig. Sonnenklar. Sofern man uns überhaupt noch wahrnimmt.

Man muss ja nicht gleich in Alarmismus verfallen, aber es besteht der begründete Verdacht, dass da etwas entsteht, was unsere Gesellschaften endgültig zerreißen und unsere Demokratien vernichten kann. Man soll sich nicht dem Glauben hingeben, dass das schon von selbst wieder vergehen wird, so ähnlich wie Moden, die kommen und gehen. Wegsehen bringt nichts. Bei der Wahrnehmung der Wichtigkeit dieses Phänomens gibt es noch Luft nach oben.

Autor

  • Robert Misik

    Robert Misik ist einer der schärfsten Beobachter einer Politik, die nach links schimpft und nach rechts abrutscht.

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