Sonntag, Februar 1, 2026

Entschlossen, die Realität zu ignorieren

Die Darstellungen der Erschießungen unschuldiger Bürgerinnen und Bürger in den USA in einer großen Mehrheit der deutschsprachigen Medien sind eine glatte Katastrophe. Das Spektrum reicht von Verharmlosung bis zur offenen Zustimmung für Trumps Tötungen.

In schlechter Stimmung bin ich gestern schlafen gegangen; heute Morgen hätte ich meinen Kaffee beinahe in mein Häferl zurückgekotzt. Da stand im sogenannten FAZ-Frühdenker, einem automatisierten E-Mail mit aktuellen Meldungen, das täglich kurz nach sechs Uhr eintrudelt: »USA streiten über Minneapolis.« Und dann nochmals im Text: »Die USA streiten über die Schuld für die tödlichen Schüsse in Minneapolis.«

Es ist so, als hätte man in Wien 1938 über die Novemberpogrome geschrieben: »Wirbel um Gehsteigreinigung in Wien.« Warum also immer weniger Menschen Zeitungen lesen? Weil sie Wahrhaftigkeit vermissen. Inzwischen muss jedem klar sein, worauf Trumps Bürgerkrieg hinausläuft: Auf Wählereinschüchterung und die Erschießung aller, die sich ihm entgegenstellen. Sie werden übrigens nicht von »Beamten« erschossen, sondern von einer Paramiliz. In Die Presse schreibt Thomas Vieregge:

Die Stadt ist zum Brennpunkt der Migrationspolitik der Trump-Regierung avanciert. In der Metropole Minnesotas heizt sich bei zweistelligen Minusgraden ein Konflikt auf: Tausende Menschen demonstrieren seit Tagen bei eisiger Kälte, um ihre Wut über den gewaltsamen Tod Alex Prettis, eines 37-jährigen Krankenpflegers in der Intensivstation eines Veteranen-Spitals und US-Bürgers, zu artikulieren. „ICE out“, lautet ihre immer vehementer vorgetragene Parole.

Was hat denn »Migrationspolitik« mit der Erschießung eines US-Bürgers zu tun. Worin besteht denn der »Konflikt«, wenn Bürgerinnen und Bürger von ihrem demokratischen Recht des Demonstrierens Gebrauch machen? Wie blind kann man sein, um nicht zu sehen, welches Kalkül hinter der Trumpschen Politik steckt. Eine Sicherheitspolitik ist es jedenfalls nicht, denn bei den Erschossenen ist nur eines sicher: dass sie tot sind.

Krone übernimmt Trump-Propaganda

Getoppt wird das nur mehr von offensichtlicher Zustimmung für die Tötung durch die »Behörden«, die in Minneapolis, das von der nächsten Staatsgrenze 400 Kilometer entfernt ist, »Grenzschutz betrieben«. Die Kronen Zeitung veröffentlichte am Sonntag, dem 25. Januar, den Artikel: »Demonstrant tot: „Plante Massaker an Polizisten“« und stellt sich damit auch argumentativ auf die Seite der Mörder. Wenig später ist der Artikel von der Startseite der Krone verschwunden, allerdings bis heute weiter auf ihrem Facebook-Account online. Es handelt sich bei der Kronen Zeitung um den größten staatlichen Subventionsempfänger der österreichischen Presselandschaft, der auch die höchste Förderung für »Qualitätsjournalismus« bekommt, die es in diesem Land gibt.

Immerhin gibt es auch lesenswerte Berichte, die von Korrespondenten geschrieben werden und klar machen, worauf der Bürgerkrieg hinausläuft. Für die TAZ schreibt Sebastian Moll:

In der Stadt wächst die Furcht vor einem offenen bewaffneten Konflikt. Immer mehr Menschen tragen, wie der ermordete Pretti, Waffen – was in Minnesota erlaubt ist. Der Gouverneur von Minnesota, Tim Walz, hat die Nationalgarde mobilisiert. Und die Drohung Trumps, unter Berufung auf den „Insurrection Act“ das Militär zu entsenden, hängt noch immer in der Luft. Jacob Frey, Bürgermeister von Minneapolis, sprach in einem Interview über die Möglichkeit einer offenen Auseinandersetzung zwischen der Polizei und ICE.

Methoden früherer Feinde

Und David Smith, der für den Guardian aus Washington berichtet, stellt auch fest, dass die USA nun die Methoden ihrer (früheren) Feinde gegen die eigene Bevölkerung anwenden:

Im ersten Jahr seiner zweiten Amtszeit hat Trump die Einsätze der ICE gezielt auf Städte ausgerichtet, die von Demokraten und oft von Schwarzen geführt werden, als wolle er sie für ihren Widerstand kollektiv bestrafen. Damit bedient er sich eines autoritären Vorgehens, das an Saddam Hussein im Irak erinnert, der die Kurden ins Visier nahm, oder an den sowjetischen Führer Josef Stalin, der in der Ukraine den Holodomor, den „Tod durch Hunger“, verursachte.

Trump scheint Minnesota besonders zu verachten, weil er dort die Präsidentschaftswahlen 2016, 2020 und 2024 verloren hat, obwohl die meisten Nachbarstaaten für ihn gestimmt haben. Kürzlich behauptete er fälschlicherweise, er habe Minnesota alle drei Male gewonnen. In Wirklichkeit hat seit Richard Nixon 1972 kein Republikaner mehr dort gewonnen – nicht einmal Ronald Reagan.

Doch in Deutschland und Österreich ist man mehrheitlich fest entschlossen, wegzusehen und die Realität zu ignorieren. In den USA kann man seine demokratischen Rechte nur mehr unter Todesangst wahrnehmen. Doch das scheint unserer Presse größtenteils egal zu sein.


Titelbild: Manon Véret

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

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