Sonntag, Februar 1, 2026

Rodungen in einer Lichtung

Der österreichische Bildungsminister hat Ideen für Reformen der Unterrichtsinhalte vorgelegt. Dabei lässt er sich von den falschen Einsagern leiten, die ihm zuraunen: »Nicht für das Leben, sondern für die Wirtschaft lernen wir.«

Christoph Wiederkehr ist bestimmt eine der angenehmsten Erscheinungen in der zeitgenössischen österreichischen Politik. Immer sachlich, niemals demagogisch und in seinem Handeln redlich und kompromissbereit, verkörpert er das, was sich von der Welt der Polit-Clowns, Schreihälse, Bierzeltphilosophen und Oligarchenmarionetten wohltuend abhebt: den Sachpolitiker, der seine Arbeit macht.

Mit seinem jüngsten Vorstoß, den Lateinunterricht zugunsten von »Informatik« zu kürzen, zeigt er allerdings inhaltliche Schwächen und einen wunden Punkt in der Programmatik seiner Partei.

Office-Schulung ist nicht Informatik

Der erste Fehler liegt schon darin, das, was heute an den Schulen als »Informatikunterricht« bezeichnet wird, für einen solchen zu halten. In Wahrheit wird dort die Bedienung von Anwendungsprogrammen – hauptsächlich des Microsoft Office – gelehrt. Das sage nicht nur ich. Das sagen in der Sache wesentlich kompetentere Personen wie etwa Laura Kovacs, Professorin für Informatik an der TU-Wien. In einer Diskussion, bei der sie neben mir saß, hat sie diesen Umstand zur Sprache gebracht und eloquent ausgeführt.

Dass Schulen hier in Wahrheit als Diener bestimmter Konzerne die Anwendung von deren Programmen vermitteln, ist ein Problem. Noch schlimmer ist, dass die erlernten Programme in zehn Jahren, wenn die betroffenen Schülerinnen und Schüler im Berufsleben stehen, so nicht mehr existieren. Und das Allerwichtigste: Die Anwendung von Word, Excel und Powerpoint hat nichts mit Informatik zu tun. Gar nichts! Man weiß durch das Herumklicken im Office nichts über die Funktionsweise von Hardware oder Software oder über Grundlagen der Informationsverarbeitung, von denen aus man sich weiterbewegen könnte.

Grundsätzliche Kenntnisse fehlen

Es zeigt sich in der Informatik, dass das grundlegende, theoretische Verständnis von Programmiersprachen weitaus wichtiger ist, als eine (gerade aktuelle) Programmiersprache zu lernen. Wer theoretisches Wissen und einen guten Überblick über verschiedene Systeme hat, tut sich leicht damit, neue Programmiersprachen zu erlernen. Und in der Informatik ist es eben nötig, sich in viel kürzeren Zyklen mit neuen Technologien, Programmiersprachen, Betriebssystemen und Datenbanken zu beschäftigen. Was an den Schulen unterrichtet wird, findet ausschließlich auf Microsoft Windows statt – somit bleibt die Landschaft der Betriebssysteme ausgeblendet. Grafische Benutzeroberflächen werden mit dem verwechselt, was tatsächlich in einem Rechner vor sich geht, die Grundlagen der Computervernetzung bleiben ausgeblendet. Wer einmal mit Servern und Großrechnern zu tun hat, bemerkt spätestens dann, dass ihm grundsätzliche Kenntnisse fehlen.

Die Kurzsicht, zu glauben, Schülerinnen und Schüler würden »für das Leben lernen«, wenn sie nur auf einem Laptop herumdrücken, ist vielleicht einfach zu verkaufen, weil eine große Mehrheit sie nicht hinterfragen wird. Trotzdem ist es grundfalsch, die Anwendersysteme für die Heimbenutzung, die sich in der globalen Oligarchie durchgesetzt haben, mit dem zu verwechseln, was in der Informatik passiert. Ich war selbst fast zwanzig Jahre in der Informatik tätig, ohne Informatik studiert zu haben. Bestimmt war ich und bin ich kein guter Informatiker. Ich glaube aber zu wissen, dass man in der Praxis schnell zwischen Entwicklungen, die Zeiterscheinungen sind, und grundlegenden Funktionsweisen, die bei allen Änderungen bestehen bleiben, zu unterscheiden lernt. Und letztere sind es, die das eigentliche Gebiet der Informatik ausmachen.

Geschichtslose Generationen

Der zweite Pferdefuß von Wiederkehrs Ankündigungen ist das Ansinnen, das Mehr an »Informatikunterricht« gegen Latein zu tauschen. Ich kenne die Häme gegen den Lateinunterricht schon lange, die ihn vor allem disqualifiziert, weil es sich dabei angeblich um eine »tote Sprache« handelt. Es ist ein Symptom unserer Zeit, dass ahistorische, geschichtsfeindliche Bewegungen, die die Beschäftigung mit der Vergangenheit generell als Zeitverschwendung abtun, aus verschiedenen politischen Richtungen kommen. So ist es kein Wunder, dass die Vielstimmigkeit und Vielschichtigkeit, die Demokratie braucht, heute zu Grabe getragen wird.

Es trifft auf Latein dasselbe zu wie auf Informatik: Mit der Übersicht über komplexere Flexionssysteme, aus denen auch alle noch heute gesprochenen indogermanischen Sprachen entstanden sind, erhält man ein breites Bild, das einem dann wieder nützlich ist, wenn deren Verständnis nötig ist; z.B. wenn man als Deutschsprechender eine slawische Sprache lernt. Darüber hinaus ist die kulturelle Entwicklung Europas maßgeblich von den Entwicklungen Roms der letzten zweieinhalbtausend Jahre beeinflusst.

Ein europäisches Verständnis

Es wäre meines Erachtens sogar nötig, die drei großen alten Kulturen, die bis ins 19. Jahrhundert in Europa unbeachtet geblieben waren, samt ihren Sprachen und Schriften mehr in den Lehrplan einzubinden: Ägypten, Indien und China (zusammen mit Japan). Vergessen wir nicht, dass Friedrich Schlegel mit seiner bedeutsamen Schrift Über Sprache und Weisheit der Indier [sic!] überhaupt erst die Untersuchung der Verwandtschaft von Sprachen in Gang gebracht hat. Unser heutiges europäisches Selbstverständnis wäre kein solches, wenn nicht über die Untersuchung des Sanskrit eine gemeinsame Wurzel der indogermanischen Sprachen (und damit einer großen Mehrheit der europäischen Sprachen) entdeckt worden wäre.

Leider war die Phase progressiver Bildungspolitik in Österreich und in Westeuropa im vergangenen Jahrhundert nicht einmal auf ein Jahrzehnt beschränkt. Seither – seit Beginn der Achtzigerjahre – hat sich nichts getan. Und es ist diese konservative Stillstandspolitik, die auch Sozialdemokraten fortgeführt haben und die leider auch der Partei der NEOS ihre Grundsätze gibt. Hier waren die früheren kommunistischen Staaten dem Westen zumindest in den Leistungen der Universitäten weit voraus.

Christoph Wiederkehr wäre gut beraten, sich auch anderswo und von anderen beraten zu lassen als von Menschen aus »der Wirtschaft«, die zu wissen glauben, was man für »das Leben« braucht. Das österreichische Schulsystem ist veraltet, es basiert auf Abgrenzung und Klassendenken, und es vermittelt in einer in Europa weit über dem Durchschnitt liegenden Anzahl von Wochenstunden, weit unter dem Durchschnitt liegende Fähigkeiten. In dieser Lichtung nun Rodungen nach dem Geschmack von Wirtschaftsbossen durchzuführen, wird es nicht verbessern.


Titelbild: Miriam Moné

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

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