Aktuell geistert eine Szene aus einem Dokumentarfilm des deutschen Filmemachers Werner Herzog als Meme durchs Internet. Mittlerweile ist sie auch in der österreichischen Innenpolitik angekommen – und wird dort auf bizarre Weise eingesetzt.
Er geht weder zu den Futterplätzen am Rand des Eises, noch kehrt er zur Kolonie zurück. So beginnt ein mittlerweile viraler Ausschnitt aus der 2007 erschienenen Dokumentation Begegnungen am Ende der Welt des deutschen Filmemachers Werner Herzog. In dem Dokumentarfilm geht es um Menschen, Orte und Tiere in der Antarktis. Herzog beobachtet in der Dokumentation gemeinsam mit seinem Team und dem Meeresbiologen David G. Ainley das Leben der in der Antarktis angesiedelten Pinguine. Neben einer sehr detaillierten Analyse ihres Soziallebens sorgt vor allem eine mit emotionaler Choreinlage unterlegte Sequenz für das neu entfachte Interesse. Wie diese Videos aussehen, kann man hier sehen:
Vorlage ist Doku von Werner Herzog
Der aktuelle Trend dreht sich um einen bestimmten Pinguin aus dem Dokumentarfilm. Dieser bewegt sich nicht mit dem Rest der Kolonie in eine Richtung, sondern bleibt in der Mitte stehen und entscheidet sich, in Richtung der rund 70 Kilometer entfernten Berge zu wandern. Offensichtlich unaufhaltsam, denn selbst wenn man den Pinguin zur Kolonie zurückbringen würde, würde er sofort wieder in Richtung Berge marschieren. Aber wieso? Diese Frage stellt sich auch Werner Herzog auf Englisch mit seinem markanten deutschen Akzent. Viele der im Internet zu sehenden Videos enden an dieser Stelle, was großen Raum für Interpretation schafft. Sieht man sich jedoch die Originaldokumentation an, erklärt Regisseur Herzog, der “geisteskranke” Pinguin sei “auf dem Weg in den sicheren Tod.” Die Frage wird also sehr direkt beantwortet.
Christian Stocker mimt suizidalen Pinguin

In den aktuellen Memes wird der Pinguin häufig als Symbol für Motivation und Hoffnung umgedeutet. Ein Symbol für jemanden, der seinen eigenen Weg unbeirrt und mutig geht, ohne auf die Normen der Gesellschaft zu achten oder sich zu hinterfragen. Scheinbar sieht auch die ÖVP diesen Trend so. Anders lässt sich das letzte Woche in den sozialen Medien erschienene Video nicht erklären. Darin wird die mittlerweile millionenfach gesehene Meme-Vorlage benutzt, um Bundeskanzler Christian Stocker als unbeirrt, mutig und tapfer zu charakterisieren. Ein Politiker, der weder nach (politisch) links noch rechts abweicht, sondern unaufhaltsam auf seinem Kurs bleibt. Ob der Partei klar war, dass die Vorlage dafür eigentlich ein suizidaler Pinguin ist?
Der Abschiebe-Pinguin
Doch auch die FPÖ hat eine eigenwillige Interpretation des Pinguins aus der Herzog-Doku. Im Social-Media-Auftritt der Freiheitlichen wird dieser Trend für politische Werbung genutzt. Hier soll die Frage nach dem „Warum“ beantwortet werden.
Der Pinguin watschelt in einem durch künstliche Intelligenz erstellten Video durch die Antarktis und erreicht die in dem Dokumentarfilm erwähnten Berge. Dort trifft er auf ein eingeschneites Radio, auf dem Herbert Kickl zu hören ist, der von Remigration spricht.
Am Gipfel angekommen, findet der Pinguin ein großes Frachtflugzeug und drückt auf einen Blauen Knopf auf dem “but why” zu lesen ist – eine Anspielung auf die Frage, die Werner Herzog im ursprünglichen Film seinen Zuseherinnen und Zusehern stellt. Der Flieger mit der Aufschrifft “Airbert” startet, während der gestörte Pinguin ihm zuwinkt.

Im Netz scheint das Video gut beim Zielpublikum anzukommen. Auch der Rechtsextreme Martin Sellner feiert den Beitrag und wünscht sich, dass die Deutsche Schwesterpartei der FPÖ, die AfD, mit dem Trend mitzieht.

Internationaler Trend
Das Phänomen, den Pinguin mit Todeswunsch für politische Zwecke einzusetzen, ist nicht nur auf Österreich beschränkt. Vorreiter sind die USA. So nutzte etwa der offizielle X-Account der Homeland Security ein ähnliches Video wie die ÖVP, diesmal jedoch mit US-Präsident Donald Trump und seiner hoch kontroversen Polizeistaffel I.C.E.
Aber auch der X-Account des Weißen Hauses postete ein KI-generiertes Bild mit der Bildüberschrift „Embrace the Penguin“, auf dem Donald Trump mit dem wahnsinnigen Pinguin Hand in Flosse auf eine Bergkette, in der die Flagge von Grönland zu sehen ist, marschiert.
Aber wieso?
Spannend an diesem Trend ist vor allem, wie der Originalzusammenhang um fast 180 Grad gedreht wird: von einem mental verstörten, suizidalen Pinguin zu einem Sinnbild der Motivation und Entschlossenheit.
Stören dürfte das Wiederaufleben des tragischen Pinguins den Schöpfer der Dokumentation Werner Herzog anscheinend nicht. Er selbst zeigt sich in einem Video auf Instagram von dem Interesse an seinem fast 20 Jahre alten Film begeistert und lobt die Kreativität der Nutzerinnen und Nutzer. Für ihn bleibt der Pinguin nach wie vor wahnsinnig und lebensmüde – wie anscheinend auch Christian Stocker und die Migrationspolitik der FPÖ.
Titelbild: Ernst Weiss / APA / APA-Images, Christopher Glanzl, Canva


