Sonntag, März 8, 2026

Zweite Staffeln sollte es nicht geben

Shrinkflation bedeutet, dass Waren zwar zum selben Preis angeboten werden, die Abgabemenge aber reduziert wird. Auf dem Gebiet der Unterhaltung entspricht ihr die Streamingserie, ein Format das sich quantitativ ausdehnt, aber qualitativ immer weiter abfällt.

Der von staatlicher Seite inzwischen ungebremste und unkontrollierte Drang der Konzerne, in allen Bereichen Gewinne zu maximieren, hat eine Form erreicht, die den Tatbestand des Betrugs erfüllt. Man verkauft denselben Artikel zum selben Preis, allerdings reduziert man die Menge. Eine Praxis, die offensichtlich damit spekuliert, dass der Konsument den Betrug nicht bemerkt. Aber selbst, wenn er bemerkt wird –

die Wirtschaft sagt: »Who cares?« Und kommt damit durch. Neuerdings gibt es für diese Praxis das Wort Shrinkflation.

Nun will ich endlich auch einen Modebegriff erfinden und suche seit langem nach dem richtigen Wort, aber kein Begriff will mir so richtig gefallen: Supersizeflation, Blow-up-flation, Stretchflation. Ich sage es lieber in einem Satz: Die Inflation der Unterhaltungsindustrie findet zurzeit auf dem Gebiet des Films statt, besser gesagt der Streamingserie. Sie Streamingserien dehnen sich quantitativ aus, während sie qualitativ immer weiter abfallen.

Der sportliche Aspekt

Serie – das hatte früher eine andere Bedeutung. Man ging davon aus, dass man jede Woche zur selben Zeit oder jeden Tag zur selben Zeit eine neue Folge sehen kann. Also wurden innerhalb einer minimalen Rahmenhandlung Episoden entwickelt, die nie auf ein Ende zusteuerten. Die Hauptfiguren wurden so etwas wie eine Familie. Man wollte wissen, was die Cartwrights von der Ponderosa, die Ewings oder die Besatzung von Deep Space Nine als nächstes tun. Eine Konkurrenz zum Spielfilm waren diese Serien durch ihren gegen Unendlich divergierenden Minimalplot nicht.

Serie – das hatte früher eine andere Bedeutung. Man konnte nicht wie heute genau sagen: »Ich bin jetzt in der dritten Staffel bei Folge 7.« Dieser sportliche Aspekt des Serien-Schauens drückt sich auch im täglichen oder nächtlichen Immer-Weiter-Schauen oder Noch-eine-Folge-Schauen aus. Durch Kontrollverlust und Dosissteigerung versucht man dem Konsumenten eine Sucht aufzuzwingen, deren Auslöser nicht die berauschende Wirkung des Suchtmittels sein kann. Denn die eigentliche Leistung der Film-Machenden, die Zusehenden durch eine kohärente, zwingende Form, mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende zu unterhalten, gibt es in den Streamingserien nur mehr in sehr verkümmerter Form.

Hunderte Stunden

Es ist eine große Aufgabe, Menschen zu unterhalten, in den Bann zu ziehen und zu halten und sie so auch zur Auseinandersetzung mit dem Fremden, dem Unangenehmen, dem Neuen zu bringen. Eine Aufgabe, die in den Serien, die ich bisher gesehen habe, jedenfalls nicht eingelöst ist. Es gibt Streamingserien wie The Crown, bei denen man hauptsächlich in die Ausstattung und die Kulisse, vor allem das Drehen auf Originalschauplätzen, investiert hat. Das ist bestimmt gelungen, doch interessiert mich das Leben von Königinnen und Königen oder Prinzessinnen und Prinzen nicht; und für die Feststellung, dass sie eigentlich auch nur ganz normale Menschen sind, brauche ich nicht hunderte Stunden.

In einer dänischen Krimiserie, dem Fall einer Kommissarin Lund (den Titel habe ich vergessen), der sich über 20 Folgen zu je einer Stunde erstreckte, war es wie üblich: Die ersten beiden Folgen haben durchaus unterhalten und Spannung erzeugt. Dann allerdings wird bald klar, dass hier die Handlung eines 90-minütigen Krimis in 1.200 Minuten erzählt wird. Es führt zu bizarren Effekten, die dem konzisen Erzählen zuwiderhandeln: Da verschwinden Verdächtige für immer, nach dem sie nicht mehr verdächtig sind. Da tauchen plötzlich neue Verdächtige und Verdachtsmomente auf. Nach 16 Folgen erkennt die Kommissarin, dass sie das Auto, in dem die Leiche gefunden wurde, nicht gründlich genug untersucht hat. Da wird irgendwann jede und jeder verdächtig. Der Krimi artet fast zu einem Experimentalfilm aus, als habe er eine bewusste Disproportion wie Sterns Tristram Shandy, der seine Lebensgeschichte erzählen will, aber durch umschweifende Schilderungen zwei von neun Büchern des Romans mit der Zeit zwischen dem Akt seiner Zeugung und seiner Geburt füllt.

Zweite Staffeln sollte es nicht geben

Ich spreche erst gar nicht von den zweiten und dritten Staffeln, die meist ohnehin einen großen Qualitätsabfall zur ersten Staffel aufweisen. Ich habe die Serie Ted Lasso gesehen, die – wie so viele Serien – einen durchaus interessanten Anfang hat: Die Besitzerin eines Fußballvereins will diesen zum Abstieg aus seiner Liga bringen, indem sie einen Trainer eines American Football Teams aus den USA zum Teamtrainer macht. Ein erfolgreicher Ami, der als erfolgloser Yankee in Großbritannien lebt – das ist doch okay.

Es ist eine Unterhaltungsserie, die eine Zeit lang funktioniert. Ich habe auch die erste Staffel zu Ende geschaut. In der zweiten Staffel fällt die Qualität allerdings rapide ab –da habe ich aufgehört. Nachdem die Serie drei Staffeln zu insgesamt 34 Folgen hat und die Dauer einer Episode von anfangs 30 Minuten auf bis zu 75 Minuten anwuchs, war zu errechnen, was man sich da aufbürdet. Zweite Staffeln should not exist.

Stundelang brennendes Kaminfeuer

Ich frage mich nur, ob das nicht alles Absicht ist. Ja, ich frage mich, ob es mit den technischen Möglichkeiten von heute oder morgen nicht so sein wird, dass das Gerät, auf dem wir eine Serie anschauen, uns erkennt; dass es weiß, dass wir seit fünf Stunden die Serie XY schauen und uns daher mit extra eingeschobenen Episoden füttert und davon abhält, jemals das Ende zu erreichen. Das Ende ist ohnehin nur ein vorläufiges Ende. Die Serie träumt von der Unendlichkeit. Eine unendliche Serie wäre für die Zuschauerinnen und Zuschauer eine völlig inhaltslose Serie. Warum also nicht wieder stundenlang Programme schauen, die nur eine Einstellung eines brennenden Kaminfeuers zeigen – so etwas gab es doch mal, oder?

Im Kapitalismus ist nur die Steigerung von Kapital von Interesse. Um diese eigennützige Denkweise als politische Grundhaltung zu handeln, muss man den Menschen die Unwahrheit auftischen, dass das Kapital, das einem Menschen neu zukommt, nicht einem anderen weggenommen wurde. Dieser andere muss letztlich politisch ausgeschlossen werden, um seinen Kapitalverlust als legitim darzustellen: im Kolonialismus ist er ein Untermensch, der nicht so viel Wert ist wie der Herrenmensch; im Liberalismus ist er nicht so »fleißig« wie die anderen; im Faschismus ist er ein Mensch, der nicht zum »Volkskörper« gehört und »eliminiert« werden muss.

Der wuchernde Wald der Gehaltlosigkeit

Der Unterschied des heutigen Kapitalismus etwa zum Manchesterkapitalismus und des heute beginnenden Totalitarismus zum historischen Faschismus ist allerdings, dass man den Untertan als Konsumenten braucht. Man braucht ihn nicht nur als passiven Konsumenten, sondern auch als Konsumenten, der im Netz sucht, bewertet, kommentiert, Daten über seine Person und Daten über seinen Konsum hinterlässt. Nur mit diesen Daten kann der Kapitalismus heute noch Profite steigern.

Der Konsument des Totalitarismus braucht immer ausuferndere und einfachere audio-visuelle Unterhaltung. Hier hat der Spielfilm – fürchte ich – wenig Platz. Er ist zu kurz, um quantitativ von Bedeutung zu sein. Und wenn er von qualitativer Bedeutung ist, wird er erst recht verdächtig. Der Film wird eine Subkultur werden, wenn er nicht schon eine ist. Er wird sich seine Schneise durch den wuchernden Wald der Gehaltlosigkeit selbst schlagen müssen. Ich freue mich über jeden Film, der mir etwas Neues erzählt, der mich fordert und der mich vor allem in einem Spannungszustand hält. Für die Streamingserien bin ich vermutlich ein schlechter Konsument. Oder ich bin einfach zu alt und zu grantig. Kann auch sein.


Titelbild: Miriam Moné

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

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