Sind FPÖ-Wähler die „böseren“ Menschen? Internationale Studien deuten darauf hin. “Böse” Eigenschaften treten häufiger bei Unzufriedenheit auf.
In Phasen emotionaler Zerrüttung und Verdunkelung – ja, auch ich kenne sie bisweilen! – beschäftigte ich mich damit, wie wir Menschen im Oberstübchen so funktionieren. Dabei habe ich ein paar Dinge gelernt. So bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es „Neurodiversität“ in dem Sinne, wie wir den Begriff so salopp verwenden, gar nicht gibt. Nämlich: Es gibt nicht den „normalen“, „durchschnittlichen“ Charaktertyp, von dem dann ein ganz kleiner Teil der Menschen abweicht. Es gibt das A-Typische nicht, weil es das Typische nicht gibt.
Vor ein paar Jahren habe ich ein sehr lustiges, aber zugleich auch sehr schlaues Buch des amerikanischen Hirnforschers James Fallon gelesen. Es trägt den herrlichen Titel: „Der Psychopath in mir.“ Die „Story“ ist die: Fallon beschäftigt sich als Neurowissenschaftler seit Jahrzehnten mit psychopathischen Straftätern, und versucht durch Gehirnscans zu erkennen, ob es verbindende Muster zwischen diesen ganz arg fiesen, gemeinen, empathielosen Verbrechern gibt. Er hat hier schon viele Muster entdeckt. Einmal ist irrtümlich sein eigener Gehirnscan in die Unterlagen gerutscht und wurde untersucht. Und siehe da: Er selbst hatte all die Besonderheiten in der Gehirnarchitektur, die auch die meisten Massenmörder hatten.
Dabei hatte er ein normales Leben, Familie, kümmerte sich um seine Kinder und dachte auch, dass er stabile Freundschaften hätte. Aber er hat dann begonnen, zu fragen, wie ihn die Leute so sehen: Familie, Freunde und Kollegen.
„Zu den Beschreibungen, mit denen sie mich bedachten, gehörten Worte und Sätze wie: ‚Manipulativ‘, ‚charmant, aber unaufrichtig‘, ‚macht andere intellektuell fertig‘, ‚nicht vertrauenswürdig, sobald es heißt: du oder ich‘, ‚narzisstisch‘, ‚oberflächlich‘, ‚unzuverlässig, wenn man dich braucht‘, ‚egozentrisch‘, ‚unfähig, tief zu lieben‘, ‚schamlos‘, ‚völlig skrupellos‘, ‚ein schlauer Lügner‘, ‚keinerlei Respekt vor Gesetzen, Autoritäten oder gesellschaftlichen Regeln‘, ‚hält sich an eine selektive Moral‘, ‚verantwortungslos‘, ‚völlig gefühllos‘, ‚kalt‘, ‚kein Einfühlungsvermögen‘, (…) ‚pathologischer Lügner‘, (…) ‚auf der Suche nach dem Kick‘, ‚Bedürfnis nach ständiger Stimulation‘.“
Fallon ist ein manipulativer Narzisst. Nur war ihm das bisher nicht aufgefallen. Einerseits weil er in einer stabilen, liebenden sozialen Umwelt aufgehoben ist, die seine pathologischen Anlagen in Schach hält; andererseits, weil wir alle zur Annahme neigen, dass ein Großteil der Menschen so ähnlich tickt wie wir und nur ganz wenige krass abweichen. Von daher kommt die Annahme, es gäbe „Normalität“ und „Devianz“, Durchschnitt und Abweichung.
Die unterschiedlichen Charaktere
Das ist aber Unsinn, wie der US-Psychologe und Hirnforscher Richard Davidson schreibt. „Jeder reagiert anders auf emotionale Auslöser, und von ‚den meisten Menschen‘ oder einem ‚Durchschnittstyp‘ zu reden geht völlig am Ziel vorbei.“ Davidson spricht vom „emotionalen Stil“, und allenfalls kann man sagen, dass es so etwas wie Menschengruppen gibt: Zwanzig Prozent mit dem einen emotionalen Stil, zwanzig Prozent mit dem anderen, wieder zwanzig mit einem wieder anderen und so weiter.
An all diese interessanten Untersuchungen erinnerte ich mich, als ich im jüngsten „Spiegel“ ein Interview mit dem deutschen Psychologen Ingo Zettler las, der in Kopenhagen forscht. Sein Forscherteam hat Methoden entwickelt, um die „dark traits“ – dunklen Persönlichkeitsmerkmale – von Menschen zu untersuchen und auf einer Skala zu vermessen, der D-Skala („Dunkelheits-Skala“). Das machen sie mit einer Vielzahl an schlauen Fragen, die alle für sich genommen recht unverfänglich wirken, aber in der Summe der Antworten ein klares Persönlichkeitsbild zeichnen. Zu den Dark Traits zählen „Gier, Narzissmus, Sadismus, Gehässigkeit und Machiavellismus, der für Hinterhältigkeit und Machtstreben steht“, so Zettler. Und natürlich addieren sich Charakter-Muster: „Wer überdurchschnittlich narzisstisch ist, wird mit einer mehr als 80-prozentigen Wahrscheinlichkeit überdurchschnittlich gierig sein. Wer sehr egoistisch ist, wird eher gehässig sein. Und wer sehr gehässig ist, eher rachsüchtig.“
Die Plausibilität ihrer Ergebnisse konnten sie auch überprüfen, indem sie in Dänemark den Strafregisterauszug von 14.000 StudienteilnehmnerInnen einsahen. Ergebnis: Wer einen hohen D-Faktor in der Studie hatte, war häufiger straffällig.
George Orwell schrieb einmal den schönen Satz: „Im Großen und Ganzen wollen Menschen gut sein, aber nicht zu gut, und nicht die ganze Zeit.“ Auch das deckt sich mit der Studie, so Zettler: „Im Durchschnitt ist der Mensch nicht sonderlich schlecht, der D-Faktor beträgt im Mittel rund 2,3“. Was auf einer Skala von 1 (gut) bis 5 (böse) ja ganz passabel ist. Männer sind übrigens böser als Frauen, wobei man das nicht unbedingt mit dem Wesen des Mannes schlechthin begründen muss, sondern mit sozialen Bedingungen, die das Bösesein belohnen. Wenn mehr Männer in Finanzvorständen von Firmen sitzen, werden auch mehr Männer zur Gier angestachelt.
Die Dunkelheit ist rechts
Wer viel Egozentrik und wenig Empathie hat, und zugleich eher zu kalter Kognition neigt, der hat in manchen Gehirnregionen eine stärkere Aktivität, das zeigte sich auch in Fallons Scans, und in dieser Gruppe waren die ultraegoistischen Libertären politisch stärker vertreten. Auch Zettlers Untersuchungen sehen einen starken Zusammenhang zwischen dunklen Persönlichkeitsmerkmalen und politischer Einstellung. „Wir wissen, dass jemand mit einem hohen D-Faktor eher dazu neigt, sich politisch zu radikalisieren. Außerdem: Je höher der Wert ist, desto weiter rechts im politischen Spektrum ordnet er oder sie sich für gewöhnlich ein. Dieses Ergebnis gilt für alle Länder.“
Reichtum federt Bosheit ab
Natürlich ist der Zusammenhang zwischen dem Bösen und dem Politischen komplex. Auch wenn unter FPÖ-Wählern negative Persönlichkeitsmerkmale bestimmt verbreiteter sind als in der Gesamtbevölkerung, sind FPÖ-Wähler deswegen nicht durch die Bank „böse“ und mit hoher Wahrscheinlichkeit sind sie im internationalen Vergleich sogar noch im oberen Drittel der „Guten“. Allerdings: Wer einen hohen D-Faktor hat, wird vergleichsweise unglücklich sein, weil er „die Welt eher für einen gefährlichen Ort“ hält (Zettler), und in wohlgeordneten, wohlhabenden und sicheren Gesellschaften sind dunkle Persönlichkeitsmerkmale daher auch markant weniger verbreitet. Werden die ökonomischen und gesellschaftlichen Umstände härter, steigt auch der D-Faktor, denn dann wächst der Druck „mehr auf sich selbst zu schauen, anderen zu misstrauen und eigene Bedürfnisse auf Kosten anderer zu befriedigen“.
Das wird dann sogar das Gehirn und seine neuronalen Verschaltungen verändern, ein Geschehen, das die Fachwelt „Neuroplastizität“ nennt. Rechte Agitatoren versuchen die Angst und das Gefühl einer permanenten Bedrohung deshalb in die Gehirne ihrer Anhänger zu pflanzen, weil ihnen das nützt. Ja: „Herbert Kickl kann Ihr Gehirn verändern.“ (Sollte man vielleicht auf Wahlwerbung drucken wie die Schockbilder und Warnhinweise vor Krebs, Unfruchtbarkeit und Herzinfarkt auf die Zigarettenpackungen). Wird eine solche Stimmung dominant, steigt auch die Freude am Grausamen, am Fiesen, und dunkle Anlagen, die in vielen Menschen schlummern, werden aktiviert. Gesellschaften können dann schnell in einen Verrohungsstrudel geraten, weshalb wir gut daran tun, so der Forscher, gutes Verhalten zu belohnen und das Böse nicht als normal zu akzeptieren.
Titelbild: Miriam Moné


