Wenn mir VP-Aufdecker Andreas Hanger am 12. Februar im U-Ausschuss die entscheidende Frage stellt, werde ich den Namen nennen.
Ich kann es an den Fingern einer Hand abzählen: Es sind nur noch vier Tage. Dann sitze ich ihm gegenüber: der investigativen Speerspitze des Bundeskanzlers, dem Mann, der alles weiß, nichts verschweigt und sich kein „Ö“ für ein „VP“ vormachen lässt – ÖVP-Fraktionsführer Andreas Hanger.
Er ist nichts als der Wahrheit verpflichtet, und die ist, wie sein Parteifreund und Nationalratspräsident einmal festgestellt hat, eine Tochter der Zeit. Die Zeit wiederum ist in der ÖVP angestellt und arbeitet für sie.
Her mit dem Bericht!
„Alles her damit!“ Seit Jahren liegt ein 1.275 Seiten starker Bericht über die Auswertung der Pilnacek-Smartwatch im Landeskriminalamt St. Pölten. Mit diesen Worten nahm Hanger nicht die geringste Rücksicht auf seinen ÖVP-Innenminister, als er am 13. Jänner die Herausgabe des Berichts forderte. Ich kann mir vorstellen, wie überrascht er war, als der Bericht einlangte und hauptsächlich aus Leermeldungen bestand, weil das Bundeskriminalamt nicht die passende Software für die Auswertung gehabt hatte.
Die Daten – das wird auch Hanger wissen – warten nach wie vor auf der Smartwatch auf ihre Auswertung. Niemand in Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft ist dazu technisch in der Lage. Alle stehen vor Dateien, auf denen „Health“ steht, aber sie können die Gesundheitsdateien ebenso wenig öffnen wie die Dateien, in denen die Bewegungsdaten und Verbindungsdaten gespeichert sind.
Seit mehr als zwei Jahren wissen sie, dass es dazu nur einen Weg gibt: die werksseitige Auswertung durch Samsung. Dazu hätte eine Staatsanwaltschaft nur eines anordnen müssen: die Sicherstellung der Smartwatch.
Die Überlassung
Das ist bis heute nicht passiert, und das ist seltsam genug. Noch ein Stück seltsamer wurde es am 19. Jänner 2026. Da läutete das Telefon bei der Staatsanwältin in Eisenstadt, die im Fall „Pilnacek“ in die Kremser Fußstapfen getreten ist. Sie notierte einen überraschenden Anruf: “Präsidentin des Landesgerichts, Mag List Caroline ruft mich an und teilt mir mit, nach Rücksprache mit ihrem Anwalt gerne für eine kurzfristige Überlassung der Smartwatch am Freitag, 23.01.2026 zur Verfügung zu stehen und einen Beitrag zur Wahrheitsfindung leisten zu wollen”.
Was hat die Staatsanwältin jetzt mit dem überraschenden Präsent vor? Ersucht sie Samsung, alle Daten auszulesen und zu sichern? Erfahren wir jetzt, wo Pilnacek in seinen letzten Stunden war? Wer die Besitzer der Bluetooth-fähigen Geräte waren, mit denen sich die Smartwatch mitten in der Nacht verbinden wollte? Und wem er in seiner letzten Stunde im Haus in Rossatz fieberhaft Nachrichten geschrieben hat?
Die Auswertung der Original-Smartwatch ist die letzte Chance, das alles herauszufinden. Alles liegt jetzt an der Staatsanwältin in Eisenstadt. Doch die, so ist zu befürchten, scheint anderes vorzuhaben: “Geplant ist, soweit technisch möglich, die Übergabe möglichst kurz zu halten und Rückausfolgung werde so zeitnah als möglich erfolgen, was ich ihr mitteile. Sie gibt an, dass dies auch in ihrem Sinn sei.”
„Möglichst kurz“ – das deutet auf eine drohende zweite Auswertung durch das Bundeskriminalamt hin. Dessen Spitze unterscheidet sich politisch nicht vom Bundespolizeidirektor und von der niederösterreichischen Polizei. Aber wie die tüchtigen Beamten des Landeskriminalamts werden sie alles tun, um die Wahrheit zu finden. Es ist nur nicht klar, ob die Software diesmal passt.
Verschwörung
Vielleicht wird mich Hanger gar nicht nach der Smartwatch fragen. Vielleicht geht es am Donnerstag um eine heißere Spur: um die Pilnacek-Verschwörung, mit der ein Volksanwalt, vier Parlamentsparteien und investigative Journalisten der ÖVP schaden wollen.
Vielleicht wird er herausfinden, wie ich mit der FPÖ die Partei, von der mich politisch am meisten trennt, dazu gebracht habe, nach meiner Pfeife zu tanzen; wie ich Kickl dazu bringe, nicht nur zu arbeiten, sondern das gleich für mich. Und vielleicht wird er mir erklären, wie man sich im seichten, ruhigen Wasser ohne Spuren eines Sturzes das Leben nimmt und sich dabei rund zwanzig Verletzungen zufügt.
Vielleicht ist es für ihn normal, wenn eine Obduktion bevorsteht und wegen eines Tötungsdelikts ermittelt wird, das Beweismittel „Handy“ nicht der Staatsanwaltschaft, sondern der Witwe zu übergeben.
Aber vielleicht will er nur eines wissen: wer am 20. Oktober 2023 als einziger feststellte, dass Pilnacek Suizid begangen habe.
Wenn mir Hanger in die Augen schaut und mich auffordert, nichts als die Wahrheit zu sagen, dann werde ich den Namen nennen. Es wird mir nichts anderes übrigbleiben.


