Demokratie stirbt nicht im Sturm. Sie erodiert im Alltag. Man darf heute alles sagen. Die Frage ist, wer spricht. Und wer widerspricht.
Früher begann es nicht mit dem großen Knall.
Es begann mit einem Satz.
Mit einem dieser Sätze, die man fallen lässt wie eine beschmutzte Serviette. „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“ Ein Satz, der sich tarnt als Mut und in Wahrheit Bequemlichkeit ist. Er lag in solchen Fällen des Fallenlassens auf dem Tisch zwischen Kaffeetassen und Schlagzeilen, ungebeten, aber geduldet.
Ich kenne diese Sätze. Ich habe sie gesammelt wie andere Briefmarken. Aus Schulhöfen. Aus Amtshäusern. Aus Kommentarspalten. Sie sind nicht laut. Sie sind nicht schrill. Sie sind weichgespült. Und früher dachte ich: Demokratie stirbt nicht im Sturm. Sie erodiert im Alltag.
Aber heute denke ich: Es ist viel einfacher. Es geht längst nicht mehr darum, was man angeblich nicht mehr sagen darf. Alles darf man sagen. Man kann sogar als Präsident einer Supermacht einen anderen, nicht weißen Präsidenten, als Affe darstellen. Folgenlos. Die Demokratie wird im hellsten Tageslicht auseinandergenommen. Ein Dominostein stürzt den nächsten. Ein autoritärer Führer gesellt sich zum anderen. Und es sind immer Führer vorhanden, für die, die sich so gerne verirrt geben. Sie sind aber nicht verirrt. Sie sind bloß verhetzt. Sie sind verängstigt. Und mithilfe dieser Angst gehirngewaschen. Oder sadistisch. Sie wollen das, was kommt. Und das, was kommt, wird nichts sein, das man will, wenn man einem Regime nicht folgen möchte.
Unsere Wut hält so lange wie der Akku
Wenn man weiß, wohin Regimes führen. Und wenn man diesen Folgen mit offenem Visier begegnet. Aber es ist schwierig geworden, dieses Offensichtliche zu ertragen. Und was man nicht erträgt, das redet man sich schön. Oder man verdrängt es. Das Problem dabei ist nur, dass der Tiger immer noch im Dickicht sitzt und sein Opfer vor dem Anspringen fixiert, auch wenn es die Augen fest zumacht. Wir haben uns angewöhnt, Erschütterungen in Echtzeit zu konsumieren. Ein Skandal jagt den nächsten. Ein Empörungssturm folgt dem anderen. Dazwischen scrollen wir. Unsere Wut hält so lange wie der Akku. Und unser Gedächtnis manchmal nicht einmal so lange. Lasst uns privat sein, hoffen so viele. Das Private ist ja privat! Das ist ein großer Irrtum. Das Private ist politisch. Es kann nämlich sonst sein, dass es nichts Privates mehr gibt. Die Technik könnte unser Überleben sichern. Oder uns in einen Techfaschismus führen. Die Karten liegen offen am Tisch.
Wir stehen nicht am Abgrund.
Wir stehen an einer Schwelle.
Die Frage ist nicht, wer schreit.
Die Frage ist, wer spricht.
Und wer widerspricht.
Denn zwischen den Rissen wächst etwas. Manchmal Angst. Manchmal Mut. Es liegt an uns, was wir gießen.
Titelbild: Miriam Moné


