Mittwoch, Januar 7, 2026

Wo bleibt das Positive?

Ein Rückblick auf das Jahr 2025 gibt wenig Anlass für einen positiven Blick auf das Jahr 2026. Die Beschwörung aller demokratischen, friedlichen politischen Kräfte ist nötiger denn je. Sie dürfen sich nicht verstecken.

Erich Kästner, der auch als Lyriker große Popularität genoss und dessen Gedichtbände hohe Auflagezahlen erreichten, schrieb die folgenden berühmt gewordenen vier Zeilen:

Und immer wieder schickt ihr mir Briefe,

in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt:

»Herr Kästner, wo bleibt das Positive?«

Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.

Angesichts der Jahresrückblicke, die uns nur zeigen, dass wir die meisten Ereignisse dieses Jahres lieber vergessen hätten, als nochmals daran erinnert zu werden, fällt eine Antwort auf die Frage »Wo bleibt das Positive?« zugegeben sehr schwer.

Das Schweigen

Ja, Deutschland und Österreich haben es geschafft, Regierungen ohne die extreme Rechte zu bilden. Leider aber muss man sagen, dass sich die konservativen Parteien in diesen Regierungen nur mehr am Namen von den extremen Rechten Parteien unterscheiden. Die Österreichische Volkspartei hat erst jüngst in trauriger Weise gezeigt, dass ihre pauschale Verunglimpfung und ihr Generalverdacht gegen eine bestimmte Gruppe von Menschen und auch die widerliche und durch und durch rechtspopulistische Kampagne, mit der sie ihre Hassbotschaft verbreitet hat, keinen Unterschied zu den Methoden der FPÖ aufweist.

Das Schweigen, das daraufhin ausgebrochen ist, das Schulterzucken und Aussitzen und Sich-Zurückziehen, ist so typisch für unser Land. Es hat sich nichts verändert, möchte man sagen. Die Konfrontation mit der Geschichte unseres Landes ist jahrzehntelang auf diese Weise betrieben worden. Jetzt müssen wir aufstehen und sagen, wo wir es sagen können, und schreiben, wo wir es schreiben können, und zeigen, wo wir es zeigen können, dass das einfach nicht geht. Der Weg, den die ÖVP einschlägt, führt in den Abgrund. Da könnte genauso gut die FPÖ in der Regierung sitzen.

Kriege zur Ablenkung

Wir müssen es sagen und schreiben, weil leider dieses Jahr und die letzten Jahre gezeigt haben, dass die Souveränität des Staates gefährdet ist. Milliardenschwere rechte Netzwerke mischen sich immer mehr in die Politik souveräner Staaten ein. Sie finanzieren Rechtsparteien und zerrütten die Medienlandschaft. Und das ganz gezielt.

Es reicht den Republikanern in den USA nicht, dass sie jetzt Krieg in Nigeria führen müssen, um vom Desaster, das sie in ihrem eigenen Land angerichtet haben, abzulenken. Es hat sich nichts verändert. Kriege sollen von der Innenpolitik ablenken. Und es ist doch nicht so wie immer: Denn nie zuvor hat eine US-Regierung die Europäische Union angegriffen, als nationalsozialistisch bezeichnet, und in ihren Mitgliedsstaaten rechtsextreme Parteien finanziert.

Viel Geld

Anstatt aber nun die Staaten und die Union durch Strukturreformen zu stärken und sich gegen diese Angriffe zu wappnen, scheinen die westeuropäischen Länder wie gelähmt. Progressive Kritik an der EU muss endlich gehört und ernst genommen werden. Man kann nicht, wie in der Vergangenheit, jede Kritik an der EU als rechtspopulistisch brandmarken und damit abtun, während die wirklichen Rechtspopulisten und Rechtsextremen wie Meloni und Orbán sie von innen zerstören, ohne dass man ihnen Widerstand entgegenbringt.

Anstatt um europäische Souveränität zu kämpfen, wollen die einen sich den USA unterwerfen und teure Waffen und Raketenabwehrsysteme aus Amerika und Israel kaufen, um nun noch mehr von ihnen abhängig zu sein. Die anderen wieder, die rhetorisch für Eigenstaatlichkeit und plötzlich auch für die Neutralität argumentieren, die sie immer abgelehnt haben, wollen sich überhaupt gleich Putins Russland unterwerfen. Wo die Demokratie im heutigen Russland und seinen Satellitenstaaten sein soll, können sie nicht beantworten. Immerhin aber rechnen sie mit viel Geld, das dann – part of the game – unsere Tourismusorte zu sozialen Ruinen macht, unseren international bedeutungslosen Fussballklubs zugutekommt und als Schmiergeld jene an die Macht befördert, die der Korruption und der Abschaltung der Kontrollinstrumente den Weg ebnen.

Klicks, Klicks, Klicks sonst nix!

Die öffentliche Debatte und damit auch das österreichische Pressewesen sind gefordert, wenn es gilt, sich diesen Unterwanderungen entgegenzustellen. Doch was haben wir in diesem Jahr und den vergangenen Jahren erlebt? Im Wesentlichen leider das Gegenteil. »Das Recht muss der Politik folgen« – an der Umsetzung dieser Kicklschen Forderung wird mit Hochdruck gearbeitet. Aber anscheinend wird auch noch ein zweites Ziel daraus abgeleitet: »Die Presse muss der Politik folgen«.

Noch nie wurde so viel bei Kulturberichterstattung eingespart, abgebaut und Formate abgeschafft wie im Jahr 2025. Literatur-, Theater-, Kunst- und Musikberichterstattung führen ein trauriges Dasein. Der ORF stellt mit 31. Dezember Topos ein. Noch nie wurde der Journalismus so aggressiv deprofessionalisiert und regionalisiert. Der Standard und der KURIER haben Chefredakteure von Regionalmedien. Der ORF einen Generaldirektor von einem Landesradio. Der Mut, den autoritären Tendenzen unserer Zeit entgegenzutreten ist klein, die Bereitschaft, über Unangenehmes, Aufmüpfiges, Forderndes, Kontroverses zu berichten, ist kaum vorhanden. Klicks, Klicks, Klicks und sonst nix! Das ist die Devise.

Trotzdem

Genau aus diesem Grund, möchte ich aber die Kraft aller jener beschwören, die aus Überzeugung und mit ungebrochenem Mut auf ihren Positionen beharren und versuchen, Funken des Widerstands in diese Welt hinauszuschicken – egal ob es sich um Künstler, Journalisten oder Politiker handelt. Viele große Werke der österreichischen Literatur und Kultur sind unter schrecklichen politischen Umständen zustande gekommen. Sie sind ein Beispiel dafür, dass es nicht wegen der herrschenden Politik, sondern trotz dieser Politik Kultur gibt.

Jede und jeder weiß, dass es so nicht weitergeht. Wer aufbegehrt und darauf beharrt, dass Frieden, Demokratie und die Arbeit an der gerechten Umverteilung aller Ressourcen unabdingbar sind, wird vermutlich auch im Jahr 2026 nicht glücklich sein mit der Lage der Welt. Aber sie oder er kann zumindest sagen, dass die Welt anders aussehen würde, wenn eine große Mehrheit so handeln würde wie sie oder er handelt. Dafür muss man sich exponieren und angreifbar machen. So ist es eben.

Niemandes Vorbild

Man kann tausendmal „Imagine“ abspielen: In der großen Weltpolitik ist Frieden kein Ziel. Der Friedensbegriff wird von Rechts gekapert und instrumentalisiert.

Die Vereinigten Staaten des Donald Trump sind kein Friedensstifter – sie führen Krieg in Nigeria und stehen vor den Toren Venezuelas. Das Israel des Benjamin Netanyahu ist kein Friedensstifter – es greift den Iran an und hat im Gaza-Streifen eine horrende humanitäre Katastrophe zu verantworten. Das Russland Putins ist kein Friedensstifter – es ist ein kriegsführendes Land. Alle drei können niemandes Vorbild sein; oder gar ein diplomatischer oder wirtschaftlicher Partner.

Ein gutes, ein besseres Jahr

Ich wünsche allen, die den Mut finden, sich gegen die Verrohung und Militarisierung zu stellen, ein gutes, besseres Jahr 2026. Ich wünsche Ihnen, dass sie etwas anderes vorleben als jene autoritäre, menschenfeindliche Politik, die global um sich greift, und trotzdem privates Glück und Zufriedenheit finden.

Wir haben alle genug eigene Probleme in den Familien, im Freundeskreis, in der Arbeit – und wir wären froh, wenn intelligente, demokratische Kräfte ehrlich und bestmöglich die Geschicke unserer Staaten lenkten. In den 1970er-Jahren war das Bild eines solchen Daseins noch vorstellbar. Heute wissen wir, dass es illusorisch ist. Deshalb müssen wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen. Wo bleibt das Positive? Wir selbst müssen es sein.


Titelbild: Miriam Moné

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

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