Die Epstein-Files zeigen eine verkommene Elite, in der klar ist: Man kann alles kaufen. Und man darf sich alles zuschanzen.
Drei Millionen Dokumente, tausende Fotos, Mails, Vernehmungsprotokolle, Notizen, Gesprächs- und Geschäftsanbahnungen und ganz viel noch ungehobener Datenmüll – das sind die Epstein-Files, die vergangene Woche veröffentlicht wurden. Die vollständige Transparenz, bemerkten bald viele Kommentatoren, schafft aber nicht unbedingt besseren Durchblick, sie kann den Blick sogar vernebeln. „Die Wahrheit kommt nicht ans Tageslicht, die Manipulation der Öffentlichkeit erreicht ihren Gipfel“, schreibt Robert Treichler ganz richtig im „profil“.
Denn alle stürzen sich jetzt auf jedes Papierschnipsel, und in der großen Kloake wird prompt alles eins: Epstein, sein Missbrauchs- und Vergewaltigungsring, seine dreisten Komplizen, und viele tausende Leute, die mit ihm nur nette Botschaften oder Geschäftsmails austauschten. Womöglich war das sogar die schmutzige Strategie der Trump-Regierung: dass so viel Dreck herumfliegt, jeder einen großen Patzen der Kacke abbekommt, bis niemand mehr Täter, Opfer und Zufallsbekanntschaften auseinanderhalten kann und Donald Trump und die rechtsextreme Pädo-Bubble sich in all der Aufregung aus den Schlagzeilen stehlen kann. „Flood The Zone With Shit“ – „Überschwemme die Öffentlichkeit mit Scheiße“ – ist die offen bekundete Strategie von Trumps einstigem Chefstrategen Steven Bannon. Der Rechtsextremist ist bekanntlich einer der ganz engen Habschis von Epstein gewesen.
Die eigentliche Enthüllung
Frau Dichand beispielsweise, die sich mit Epstein zärtlich wechselseitige Einladungen auf Karibikanwesen und Privatinseln schrieb, ist deswegen natürlich noch lange keine Mittäterin von Epsteins Sexgewalt-Verbrechen, solange noch nicht einmal ein Hinweis dafür zu finden ist, dass sie von diesen überhaupt wusste. Bei allem, was sie bei uns politisch am Kerbholz hat: Auch die Superreichen müssen nicht jede Person googeln, der sie mal auf einer Kunstmesse begegnen.
Doch es wird ein ganz anderer Skandal offenbar. Der Versuch, durch eine unübersehbare Menge an Daten und Material das Geschehen zu vernebeln, produziert nämlich gleichsam als Nebeneffekt eine andere Art von Übersichtlichkeit. Es ist eine Enthüllung, die den Schattenmännern und -frauen noch leidtun wird.
Was die große Menge der Datensätze nämlich auf bisher einmalige Weise sichtbar macht, sind die Netzwerke, die Mentalität und die Abgehobenheit der globalen Eliten.
Einer Superklasse, die nur um sich kreist, sich mit ihresgleichen vernetzt, sich gegenseitig die besten Geschäfte, die korruptesten Jobs und die schnell verdienten Millionen zuschiebt. Da wird Peter Thiel ein gutes Investment angepriesen, dort der einstige israelische Premier in den Aufsichtsrat einer Firma zu hieven versucht, die er noch nicht einmal buchstabieren kann. Politiker, emeritierte Staatsmänner, die Wichtigtuer dieser Erde, Glücksritter und Raubritter, schrullige Prinzessinnen und moralisch verkommene Prinzlinge, sie bilden eine abgehobene Kaste, die nach oben hin engste Solidarität übt, und für alle unter sich nur Verachtung hat.
Der Rest der Bevölkerung wird nur als Menschenmaterial gesehen, das man vernutzen und dann wegwerfen kann. Es herrscht ein Korpsgeist und wer unter den Superreichen zu den vergleichsweise Hungerleidern zählt (also ein Jahreseinkommen von bloß ein paar Millionen Dollar aufweisen kann), wer es bloß auf zwei Appartements in New York, Paris und Berlin und auf eine läppische Villa bringt, der will dennoch mitspielen in der Welt der Yacht- und Privatflugzeug-Besitzer. In der Welt der Milliardäre ist der Multimillionär nämlich ein Habenichts, der sich mit gebücktem Rücken und peinlichem Kotau den ganz großen Geldsäcken aus der Finanz-Stratosphäre andient. Wer diesen Milieus gelegentlich nahegekommen ist, merkt schnell, wie nahe aufgeblasene Gigantomanie und servile Schleimigkeit beieinander liegen können.
So sind die Epstein-Files eine unfreiwillige Entblößung der korrupten neoliberalen Schatteneliten.
Mit der Verwandlung des Nachkriegskapitalismus zum neoliberalen Räuberbaronkapitalismus wurde nicht nur Korruption endemisch, sondern auch eine Mentalität und Schamlosigkeit, die uns allen seit Jahren bekannt ist – die aber doch in dem Netzwerk Epsteins plötzlich viele Gesichter bekommt: Leute, die sich wie selbstverständlich wechselseitig kaufen und kaufen lassen.
Schatteneliten sehen die Welt als Beute
Dieses neue Gesicht der Korruption, das unmittelbar mit der Privatisierung von Staatsaufgaben einher ging, hat die amerikanische Forscherin Janine R. Wedel in ihrem Buch „Shadow Elites“ einstmals so beschrieben: „Definitiv ist in den vergangenen Jahrzehnten eine neue Form der Machtorganisation entstanden und damit auch eine neue Form von Korruption. Es gibt eine neue Gruppe von Akteuren, die ich die ‚Schatten-Eliten‘ nenne. Die ‚Mover und Shaker‘, die beispielsweise ein Consulting-Unternehmen haben, oder mit einem Think-Tank verbunden sind, die sich einen Namen als TV-Experten machen und Posten als Regierungsberater bekommen, und die dann sogar für begrenzte Zeit Regierungsposten annehmen. Aber sie haben eigentlich keine Loyalität zu den Institutionen, für die sie zeitweise arbeiten, sondern nur ihren Netzwerken gegenüber. Und den Einfluss und die Informationen, die sie in diesen Institutionen erhalten, nützen sie zum Vorteil ihrer Netze oder zu ihrem persönlichen Vorteil.“
Ein nicht unwesentlicher Punkt ist für Wedel „die Reorganisation von Regierungsinstitutionen. Regierungsaufgaben werden outgesourced, also praktisch privatisiert und an Unternehmen vergeben, privatwirtschaftliche Akteure werden als Experten – oft nicht nur als Berater, sondern mit Entscheidungsbefugnissen – in die staatliche Verwaltung einbezogen.“ Die Regierung ist „for sale“, die Politiker sind „for sale“, und die ganze Welt wird von den Räuberkapitalisten als Revier ihrer Schnäppchenjagd angesehen. Überall winkt eine „Gelegenheit“, also ein gutes Geschäft, das es erlaubt, den Reichtum täglich zu vermehren. „Verbindungen“ sind ihr Kapital. Wedel: „Ein früherer Amtsträger, der Schmiergeld angenommen hat, der hat vielleicht in einer einzelnen Sachfrage dann korrupt entschieden. Aber er war deshalb nicht das Produkt von Unternehmensinteressen. Die neuen Machtnetzwerke können aber den ganzen Staat zur Beute machen.“
Nach und nach wird zur Normalität, wenn man mitschneidet, und der, der in diesem Graubereich Geschäfte macht, gilt plötzlich nicht mehr als Plünderer, sondern als vorbildlicher Geschäftsmann – sofern er nicht übertreibt, Bankrott geht wie Benko oder über seine perversen Obsessionen stürzt, wie Epstein.
Titelbild: Miriam Moné, pixabay


