Sonntag, Februar 1, 2026

Autoritäre Imperien und feuchte Träume

Plötzlich aktuell: Der feuchte Traum einer „Großraumordnung“, wie sie der Nazi-Jurist Carl Schmitt entwarf.

Die Rechtsextremisten in unseren Breiten sind gerade sehr verwirrt. Heftige innere Kämpfe toben. Es ist ein Hauen und Stechen. Die einen bejubeln die militärische Großmachtpolitik der USA, das Intervenieren, Überfallen, Drohen, die Eroberungssehnsüchte durch die Trump-Regierung. Die anderen können sich noch nicht so schnell darauf einstellen, dass die USA jetzt plötzlich ein Sehnsuchtsort und Freund sein sollen. Amerika, der Westen, der jahrhundertelange Feind, dem soll man plötzlich zujubeln? Amerika, dessen Armee ja schließlich auch die Nazis besiegt hat, was bis heute eine tiefsitzende Quelle für antiamerikanisches Ressentiment ist? Dass Hegemonialpolitik und Dominanz der USA, bis vor kurzem noch ein Teufelsding, plötzlich total super sein soll – da kommen noch nicht alle mit. Im rechtsextremen Lager von AfD bis FPÖ und Identitäre schlägt man sich gerade die Schädel um dieses Thema ein, so heftig, dass Martin Sellner auf X in seiner verzweifelt-weinerlichen Art gerade bettelte, man solle bitteschön trotzdem zusammenhalten.

Sie sind so tief zerstritten, dass man von den Anführern – Kickl, Weidel und Co. – zu der Thematik eher wenig hören wird oder nur unverbindliches Wischiwaschi-Zeug. Denn: Was immer sie sagen würden, sie hätten die Hälfte ihrer Anhänger gegen sich. Da halten sie feig und bauernschlau besser die Klappe.

Doch damit fangen die Skurrilitäten erst an.

Es herrschen „Stärke, Gewalt und Macht“

Die USA und die Welt als Ganzes verabschieden sich von den letzten Resten des Völkerrechts. Nicht mehr Recht, Legalität und Regeln sollen gelten, ab jetzt regieren alleine „Stärke, Gewalt und Macht“, so Stephen Miller, der faschistische Ultra und Vizestabschef des Weißen Hauses. Alles, was ihn einschränke, sei allenfalls sein „Sinn für Moral“ und nicht Verträge, erklärt Donald Trump selbst – eine Hürde, die bei dem regierenden Hooligan aus Washington vermutlich eher niedrig liegt. Trump ist eine Mischung aus Al Capone und einem Schulhofschläger.

Viele Leute vom radikalen Teil der rechtsextremen Parteien jubeln, weil sie die neue US-Doktrin an die Lehren eines ihrer Säulenheiligen erinnert, des Gelehrten und Nazi-Juristen Carl Schmitt. Der hatte Anfang der 1940er Jahre die Konzeption einer „Völkerrechtlichen Großraumordnung“ entwickelt, in der große Mächte in ihrer Hemisphäre oder ihrer Region die Dominanz ausüben sollten. Die Welt sollte aufgeteilt werden und es sollte ein „Interventionsverbot für raumfremde Mächte“ gelten. Motto: Mein Hinterhof, dein Hinterhof. Und in ihren Hegemoniezonen dürfen sie allen anderen Nationen diktieren, sie herumschubsen und fremdbestimmen.

Nazis träumten von der Dominanz

Und jetzt sind viele ganz begeistert, weil sie sich einbilden, dass sich die Welt entlang der Ideen ihres verehrten NS-Juristen Schmitt sortiert. Der kleine Haken dabei: Schmitts Konzept folgte dem Vertrauen darauf, dass in einer solchen Großraumordnung ohne Regeln und in der das Gesetz des Dschungels und der Stärke vorherrscht, Hitlerdeutschland in Europa und Eurasien dominieren würde, die USA in der westlichen Hemisphäre – vor allem in den zwei Amerikas.

Schmitt wollte, dass Deutschland herrscht. Seine heutigen Adepten können das schwer hoffen, eine Großraumordnung ohne Regeln wie sie sie wünschen, würde dazu führen, dass Deutschland beherrscht würde, vom kleinen Österreich ganz zu schweigen. Die sogenannten Patrioten träumen davon, dass sie irgendein starker Mann herumschubst, den sie anbeten.

Die USA würden im Atlantik und Pazifikraum dominieren, China in seiner Hemisphäre, Putins Russland würde wiederum Hegemonie über Ost- und Mitteleuropa erhalten. Es würde dann auch das heutige EU-Europa marginalisieren, welches die Rechten sowieso immer schon verabscheuen.

Heutige Pseudo-Patrioten wollen dominiert werden

Kurzum: Waren die Nazis ganz elektrisiert davon, zu herrschen, sind die Carl-Schmitt-Fans von heute eher geil darauf, kommandiert und beherrscht zu werden. Allenfalls können sie erhoffen, als Putins Statthalter die Rolle von untergeordneten Kolonialbeamten zu spielen, wie das früher die korrupten Kollaborateure imperialer Mächte in der Dritten Welt taten. Deswegen sind die selbsternannten Pseudo-Patrioten ja heute in Wirklichkeit Einflussagenten ausländischer Potentaten.

Irgendwie haben die Rechtsextremisten das nicht ganz zu Ende gedacht. Sie sind bekanntlich nicht die hellsten Kerzen auf der Torte. Die alte Großmannssucht haben sie gegen Kleinmannssucht getauscht und die Herrenreitermentalität mit der Kriecherei gegenüber Kreml oder den MAGA-Irren.

Die „Vernichtung des Heterogenen“

Natürlich könnte man sich noch ein paar weitere Fragen stellen: Etwa, ob denn ein Mann wie Carl Schmitt in irgendeinem Thema heute noch ein Gewährsmann sein kann, der bei nächtlichen Massenmorden durch die Nazi-Willkür proklamierte „der Führer schützt das Recht“ (gerade die Illegalität von Hitlers Handlungen würde Recht und Ordnung stabilisieren, erklärte er in krauser Herumdialektikerei). Oder der die „Ausscheidung und Vernichtung des Heterogenen“ intellektuell rechtfertigte, da Völker, die sich selbst regieren wollen, eine gewisse Homogenität benötigen. Dem zum Thema Menschenrechte nur einfiel: „Wer Menschheit sagt, will betrügen“, und der in seiner fiebrigen Erregtheit vor allem von dem einen Gedanken besessen war, nämlich dass alles „aufs Äußerste getrieben werden“ müsse, zu einer „gewaltigen Steigerung der Intensität“ von Konflikten.

Diesen ganzen Helden, die die Neuen Rechten so verehren, war vor allem langweilig, weshalb sie sich wünschten, dass die Welt in Flammen aufgeht. Das galt nicht nur für Carl Schmitt, sondern auch für die vielen anderen Stars der Ultrarechten, wie Ernst Jünger, der sich nur in Stahlgewittern so richtig spürte, und an den Nazis vornehmlich deshalb herummäkelte, weil sie ihm zu gemäßigt waren für sein abenteuerliches Herz.

Man könnte sich erst recht die Frage stellen, ob die Idee der klaren Aufteilung der Welt in Hemisphären und Großräume überhaupt das falsche Versprechen einhalten könnte, das mit ihr ja insgeheim einhergeht: Nämlich, dass die Unordnung stabilisiert, Chaos und am Ende sogar Weltkriege vermieden werden, weil jede Weltmacht quasi ihren Vorhof beherrscht. Das hat noch nie besonders gut funktioniert, und in einer global vernetzten Welt, in der Prosperität und wirtschaftliche Macht von Weltmarktzugängen und dem Zugriff zu Ressourcen abhängt, würde keine dominierende Macht in ihrem „Großraum“ bleiben. Irgendwo kommt man einander im Kampf um Öl, seltene Erden, Bodenschätze, wichtige Metalle, Computerchips und Absatzmärkte in die Quere, und die anderen Großräume sind nur den Flug einer Interkontinentalrakete entfernt, im Unterschied zu den Zeiten, wo man sich noch mit plumpen Kanonenbooten behelfen musste. Eine Welt ohne Regeln, aber mit Großraumordnung, wäre eben keine Versicherung gegen Weltkriege, sondern das Gegenteil. Die Trump-Strategie ist der Weg in Weltkriege. Eine solche Welt wäre von Unordnung und permanenten Krisen, dauernden wirtschaftlichen Schocks, von Inflation und Lieferengpässen und Niedergang gekennzeichnet, und von endemischer Gewalt. Deswegen heißt ja „Make America Great Again“ für die Amerikaner und für uns alle: Make Us Small, Poor and Unsave Again“ – Mache uns klein, arm und unsicher.  

Der antiwestliche Affekt

Der feuchte Traum der neuen Rechtsextremisten ist nichts als ein falscher Traum, aber eben auch Symptom einer großen Verwirrtheit: Der Westen ist zerfallen, und „der Westen“ war ja nie bloß eine geographische Kategorie, sondern zudem auch eine Idee, die sie hassten: der Westen als Begriff war immer verbunden mit Aufklärung, Meinungsfreiheit, britischem Parlamentarismus, französischem Geist, geprägt von oberflächlicher „Zivilisiertheit“ statt deutscher und östlicher „Tiefe“, und geschäftlichem Krämergeist statt militär-industrieller Mobilmachung. Von liberalistischer Verzärteltheit statt männlich-kräftiger Echtheit.

Den Westen haben sie gehasst, was sie übrigens auch häufig mit antiliberalen Linken teilten und mit manchen Wagenknechten bis heute, die den „Westen“ alleine mit kapitalistischem Geschäftssinn und zudem mit Imperialismus, Kolonialismus und sozialdemokratischer Gemäßigtheit gleichsetzten und aus diesen Gründen ablehnten. Der antiwestliche Affekt hat jedenfalls eine lange Geschichte und viele Väter und Mütter.

Dass der Westen als Idee zerstört ist und in Trümmern liegt, freut die Wortführer der sich als pseudo-intellektuell verstehenden Ultrarechten, zugleich werfen sie sich nicht nur den östlichen Autokraten in die Arme, sondern auch noch den neuen Despoten in der Führungsmacht des einstigen Westens. In den Gehirnen, in denen es völkisch herumrauscht, sah es ja immer schon ziemlich unaufgeräumt aus. Aber heute geht so viel durcheinander, so ist es auch wenig verwunderlich, dass es jetzt einen totalen Kurzschluss gibt und finale Verwirrtheit vorherrscht.

Nicht viel weniger verwirrt ist aber auch der andere Flügel der Ultrarechten, die jetzt höhnen, dass die Europäische Union zu zersplittert und unfähig ist, selbst ein eigener Magnet in dieser „Großraumordnung“ zu sein und deshalb Gefahr läuft, kolonisiert zu werden. Denn wer trägt denn seit Jahren zu dieser zerstrittenen, uneinigen und damit zögerlichen Europäischen Union bei? Das ist, wie wenn der Ganove plötzlich ruft: „Haltet den Dieb.“


Titelbild: Miriam Moné, Bundesarchiv / Heinrich Hoffmann

Autor

  • Robert Misik

    Robert Misik ist einer der schärfsten Beobachter einer Politik, die nach links schimpft und nach rechts abrutscht.

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