Dienstag, März 24, 2026

Der Kampf um Gleichheit

Mit »Digitaler Kapitalismus« hat Philipp Staab eine lesenswerte Analyse des Online-Merkantilismus und der von ihm entfachten Entdemokratisierung vorgelegt. Dieses Buch muss man lesen und sich aufrütteln lassen: gegen die Enteignung der Arbeitenden.

Seit seinem Erscheinen habe ich das Buch Digitaler Kapitalismus von Philipp Staab immer wieder gelesen. Es handelt sich um ein Sachbuch, das einen komplexen Blick auf die gegenwärtige Online-Ökonomie wirft und darin gleichermaßen logische Weiterentwicklungen von Kapitalismus und Neo-Liberalismus, aber auch Punkte der Abkehr von deren früheren Wirkungsweisen feststellt. Das ist deshalb wichtig, weil übersimplifizierende, zu kurz greifende Analysen der systematischen Monetarisierung durch den Online-Handel, Missverständnissen Vorschub leisten. Selbstverständlich sollten wir Staabs Buch lesen, um uns für den Widerstand gegen die politischen Auswirkung des digitalen Kapitalismus zu rüsten. Dazu brauchen wir aber auch eine möglichst breite und komplexe Darstellung seiner Funktionsweisen.

Den Begriff digitaler Kapitalismus hat der Autor vom Wirtschaftshistoriker Dan Schiller übernommen, der ihn bereits im Jahr 2000 geprägt hatte. Staab geht aber über Schillers Analysen weit hinaus. Er sieht im digitalen Kapitalismus eine neue Form der Konzentration ökonomischer Macht, die die einstigen Träume von Dezentralisierung oder Demokratisierung durch die weltweite Computervernetzung naiv und realitätsfremd aussehen lässt. Besonders beschäftigt Staab sich mit den GAFA-Konzernen (die Abkürzung steht für Google, Amazon, Facebook, Apple). Diese haben, so der Autor, proprietäre Märkte geschaffen, die sowohl Konsumenten als auch Produzenten an sich binden:

Gegenüber den Produzenten haben die proprietären Märkte […] enorme Macht. Taucht eine spezifische App nicht im Google- und im IOS-App-Store auf, existiert sie im Prinzip nicht. Die Tatsache, dass mit den beiden Stores immerhin zwei Märkte vorhanden sind, schmälert die Marktmacht der beiden Unternehmen nicht wesentlich, da es sich kaum eine App leisten kann, auf die Interoperabilität zwischen beiden Systemen zu verzichten. Gleiches gilt für den Amazon-Marketplace, der für kleine und mittlere Akteure des Internetversandhandels unverzichtbar geworden ist.

Diese proprietären Märkte, das heißt Metaplattformen, die sich im Besitz eines Unternehmens befinden, sind ein gewaltiges Problem geworden, da sie die Integration in bestimmte Märkte kontrollieren und Abhängigkeiten schaffen: Wer nicht über bestimmte Hardware, ein bestimmtes Betriebssystem und bestimmte Apps verfügt, kann nicht deren Teil werden. Noch wesentlicher – und hier wird der Widerspruch zwischen digitalem Kapitalismus und Demokratieverlust evident – ist es, dass die Besitzer dieser Märkte Teilnehmern Barrieren errichten oder sie überhaupt von der Teilnahme ausschließen können, was Staab als »Vermachtung des Marktes« bezeichnet:

Der Markt ist dann vermachtet und kann keine neutrale Funktion mehr ausüben, was möglicherweise den Preismechanismus beeinträchtigt. Besonders perfide ist dies, wenn durch die errichteten Barrieren Konkurrenz minimiert wird, die dem Besitzer schaden könnte, etwa indem dieser bestimmte Verkäufer von der Teilnahme ausschließt, weil sie Produkte anbieten, die er selbst offeriert, oder wenn er die unliebsame Konkurrenz zwar zulässt, ihr aber einen Stellplatz zuweist, wo Kunden sie nicht finden können.

Damit ist nicht nur ein ökonomischer Faktor beschrieben, der im freien Markt »Wettbewerbsverzerrung« heißt, sondern auch ein politischer Faktor: Wenn die Reihung von Suchmaschinentreffern und die Sichtbarkeit in Social Media an einem zentralen, proprietären Punkt steuerbar ist, dann wird genau dort auch der politische Wettbewerb verzerrt. Und es ist unfraglich, in welche Richtung die Manipulation der GAFA-Konzerne läuft, die – um nur ein Beispiel zu nennen – die Unterdrückung und Ausblendung der Demokratiebewegungen in Serbien und der Türkei massiv betreiben.

Mit KI- und Cloud-Anwendungen haben die großen Konzerne einen weiteren Schritt getan: Fortschreitend speichern sie die Daten der Konsumenten und Produzenten in ihren Rechenzentren und sichern sich so die Kontrolle über die vorhandenen Informationen.

Der Zugriff auf die Daten der in der Produktion Angestellten als auch der Konsumenten führt laut Staab zu einer Radikalisierung sozialer Ungleichheit. Der Arbeitnehmer im digitalen Kapitalismus ist ja gleichzeitig auch Konsument. In einem Kapitel mit dem Titel »Warum eine soziale Bewegung gegen den digitalen Kapitalismus unwahrscheinlich ist« geht Staab auf die Schwierigkeiten von Solidarität und den politischen Kampf um kollektive Arbeitnehmerrechte im geschlossenen System digitalen Konsums ein:

In einer Gesellschaft, deren dominante Integrationsmechanismen von der Logik des Konsums bestimmt sind, so kann man schließen, fehlen also nicht nur die sozialen Ligaturen, die das Nutzen kollektiver Rechte erst ermöglichen. Es erlahmt auch die Nachfrage nach kollektiven Anrechten überhaupt. Der soziale Konflikt ist dann in einem grundlegenden Sinne blockiert, schließlich lassen sich die Rollen von Konsumenten und Arbeitenden nur analytisch trennen. Jeder politische Funke müsste folglich nicht nur die Habitualisierung der Konsumentenrolle überwinden, sondern auch die Interessensgegensätze innerhalb der politischen Subjekte, die im digitalen Kapitalismus als Verbraucher subventioniert werden. Während man sie als Arbeitende systematisch enteignet.

Wie kann man sich gegen diese Enteignung stellen. Zuallererst ist sicherlich ein Umdenken und eine neue Fokussierung in der Sozialdemokratie und arbeitnehmervertretenden Interessensverbänden nötig. Carsten Schwäbe vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung, der das Buch Digitaler Kapitalismus von Philipp Staab in der Zeitschrift ZUKUNFT rezensiert hat, schreibt dazu:

Oft wird davon gesprochen, dass die Sozialdemokratie zwangsläufig ihre Wähler*innenbasis verliert, weile es keine Arbeitnehmer*innen mehr gibt und die sozialen Konflikte des Kapitalismus eingehegt worden sind. Philipp Staab entwickelt äußerst nachvollziehbare Argumente gegen diese Analyse. Soziale Konflikte, Ausbeutung und Ungleichheit als Folgen des Digitalen Kapitalismus werden von Politik und Gesellschaft noch nicht hinreichend in den Blick genommen. Sie sichtbar zu machen, ist eine Aufgabe linker, progressiver Parteien.

Im Schwanken zwischen dem Griff nach erst langsam entstehenden europäischen Cloud-Lösungen und Plattformen und konsequentem digitalen Dissidententum sollte nicht vergessen werden, dass heute ein bereits einmal – zunächst aussichtslos scheinender – Kampf wieder von vorne gekämpft werden muss: der Kampf um Gleichheit.

Was konkrete Maßnahmen angeht, bleibt Staab vage. Das liegt auch an dem Schwerpunkt des Buches auf der Analyse digitaler Plattformen und ihrer Probleme. Sein Buch ist für linke, progressive politische Akteur*innen als Türöffner zu verstehen, den Digitalen Kapitalismus als ursozialdemokratisches Thema zu erkennen und seine Regulierung und Überwindung grundsätzlicher zu diskutieren.


Titelbild: Manon Véret

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

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