Am 24. Februar 2022 marschierte eine vermeintliche russische Übermacht in die Ukraine ein. Vier Jahre später steht Russland fast dort, wo es begonnen hatte. Nur in der EU hat sich einiges bewegt.
Die wenigsten werden den Tag vor vier Jahren vergessen haben, als das letzte Mal eine Weltmacht in ein anderes Land einmarschiert ist. Die Rede ist natürlich von Russlands Invasion in der Ukraine. Der vierte Jahrestag der Eskalation am gestrigen Dienstag zeigt, wie wenig Putin durch seine „Spezialoperation“ in der Ukraine erreicht hat – aber wie viel in der EU.
Verfehlte Kriegsziele
Nach vier Jahren Krieg beherrschen die russischen Truppen zwar mehr ukrainisches Territorium als vor dem 24. Februar 2022. Ihr Vorankommen ist allerdings stark ausgebremst worden. Keines der Kriegsziele, das der Kreml ausgerufen hatte, konnte erreicht werden. So wollte Russland die ukrainischen Oblaste Luhansk, Donezk, Saporischja und Cherson vollständig annektieren und führte in den von ihnen kontrollierten Teilgebieten im September 2022 eine Scheinabstimmung durch. Das Problem: Außer Luhansk kontrollierte die russische Armee die Gebiete nicht ansatzweiße vollständig. Auch dreieinhalb Jahre später hat sich das nicht geändert. Im Gegenteil: Am 11. November 2022 konnte die ukrainische Armee in einer Offensive die Regionalhauptstadt Cherson zurückerobern. Ein immenser Rückschlag für Russland.
Militärisch deuteten die Jahre 2023 und 2024 auf einen langen Abnutzungskrieg hin, bei dem sich das russische Narrativ langsam durchzusetzen schien: Russland gewinne zwar langsam, aber ständig an Boden und die Ukraine würde irgendwann einbrechen. Doch diese Erzählung sackte zuletzt in sich zusammen. Ende 2025 und Anfang 2026 konnten die ukrainischen Streitkräfte in Saporischja, Dnipropetrowsk und Charkiw wieder Gelände gewinnen und die Russen zurückdrängen. Insbesondere rund um die bedeutende Stadt Kupjansk im Oblast Charkiw, wie das „Institute For The Study Of War“ (ISW) mit Sitz in Washington beschreibt.
Militärisch hat Russland seine Ziele damit bislang verfehlt. Damit scheinen auch die anderen Ziele unerreichbar: die ukrainische Regierung stürzen, den Einfluss der NATO abschwächen und die Ukraine demilitarisieren. „Putins Invasion der Ukraine geht ins fünfte Jahr, ohne dass Russland eines seiner ursprünglichen Kriegsziele erreicht hat. Stattdessen muss es angesichts steigender Opferzahlen Rückschläge auf dem Schlachtfeld hinnehmen“, schreibt das ISW. Die Ukraine ist heute deutlich stärker militarisiert und Finnland und Schweden aus Angst vor Russland der NATO beigetreten.
Hunderttausende tote Soldaten
Analysen des russischen Mediums Mediazona und der russischen BBC-Abteilung zufolge hat Putins Invasion bereits über 200.000 russischen Soldaten das Leben gekostet. Die beiden Medien bezogen sich auf bestätigte Daten aus russischen Gemeinden, Begräbnisstatistiken und Angaben von Verwandten toter Soldaten in sozialen Medien. Das „Center for Strategic and International Studies“ (CSIS), das ebenfalls in Washington seinen Sitz hat, geht von mindestens 325.000 toten russischen Soldaten aus. Eine Zahl, die die New York Times als „plausibel“ bezeichnet, da die Berechnungen von Mediazona Daten aus den Jahren 2025 und 2026 nur spärlich berücksichtigt.
Die Opferzahlen bei der ukrainischen Armee werden laut CSIS hingegen auf 100.000 bis 140.000 geschätzt. Offizielle realistische Angaben existieren auf beiden Seiten nicht. Sowohl Putin als auch Selenskyj wollen damit Stärke demonstrieren. Klar ist aber, dass die russischen Verluste weitaus höher sind, als die der Ukraine. Und die Verluste nehmen ständig zu. So kostet ein Quadratkilometer Geländegewinn in der Ukraine derzeit rund 220 Verluste bei der russischen Armee, schwer Verletzte miteingeschlossen. Die russischen Opferzahlen steigen laut einer Statistik des CSIS besonders seit Sommer 2024 enorm.
Ziel der Ukraine ist es, die russischen Verluste auf 50.000 pro Monat hochzuschrauben. Das würde auch die russische Armee vor erhebliche Probleme stellen, ist sich der ukrainische Verteidigungsminister Mykhailo Fedorov sicher: „Das Ziel ist es, Russland Kosten aufzuerlegen, die es nicht tragen kann.“ Seit 2023 hat Russland in etwa 1,3 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets erobert, berichtet Reuters. Die insgesamten Verluste kampffähiger Soldaten auf russischer Seite betragen laut Analysen des CSIS über 1,2 Millionen Mann. Damit hat die russische Armee im Ukrainekrieg mehr Soldaten verloren, als sie zu Beginn der Invasion gehabt hatte. Das sind mit großer Wahrscheinlichkeit die höchsten Verlustzahlen einer Großmacht seit dem Zweiten Weltkrieg. Einzig im Koreakrieg hatte die Volksrepublik China ähnliche Verluste hinnehmen müssen.
Doch die Ukraine hat mit den Verlustzahlen genauso ernste Probleme wie Russland. Zwar sind diese vergleichsweise geringer, aber das Mobilisierungspotenzial wird als geringer eingeschätzt als in Russland. Wem zuerst die Soldaten ausgehen, könnte sich im Jahr 2026 entscheiden.
Die Stimmung in Europa
Mehr Erfolg als in der Ukraine hatte Russland in Europa. Rechte Parteien konnten sich seit der Invasion quer durch mehrere europäische Staaten über hohe Zustimmungswerte freuen. Hintergrund ist die steigende Unzufriedenheit über steigende Lebenskosten infolge der langanhaltenden hohen Inflation. Diese war vor allem durch hohe Energiepreise aufgrund des ausbleibenden russischen Gases im Jahr 2023 in die Höhe geschnellt und blieb in einigen Staaten – darunter Österreich – bis vor Kurzem extrem hoch.
Desinformationskampagnen Russlands und politische Parteien wie die FPÖ, die AfD und der RN in Frankreich, sowie Viktor Orbán und Robert Fico in Ungarn und der Slowakei, die russische Interessen in Europa fördern, haben die treibenden Kräfte aus Konservativen, Sozialdemokraten und Liberalen in der EU in Bedrängnis gebracht. Die Erzählung Russlands und seiner europäischen Verbündeten: Gebt der Ukraine kein Geld für den Krieg und importiert wieder russisches Gas, dann wird das Leben wieder leistbarer. Mit verschiedensten Mitteln wird versucht, die Ukraine und Regierungen in Europa zu diskreditieren. Bestes Beispiel dafür ist ein gefakter Washington Post-Artikel, in dem behauptet wird, die Ukraine verkaufe Waffen an die Hamas. Solche Beiträge werden von russland-nahen Medienportalen gerne aufgegriffen. Beispiele sind etwa: Nachdenkseiten, Kettner Edelmetalle und das Compact-Magazin, wo es sogar heißt: „Wir beschwören Frieden und Freundschaft mit Russland mit der Druschba-Silbermünze von COMPACT.“
Dass Russland trotz kriselnder Wirtschaft bald das Geld für den Krieg ausgeht, zeichnet sich indessen nicht ab. Am Mittwoch berichtete das ukrainische Medium Euromaidan, dass Russland den USA ein Wirtschaftspaket im Volumen von 12 Billionen Dollar angeboten hat. EU-Energieimporte aus Russland würden außerdem noch immer Milliarden in die Kriegskasse spülen. Neben Frankreichs Flüssiggasimporten sind vor allem die Pipelinelieferungen nach Ungarn und in die Slowakei relevant:

Titelbild: APA-Images / AFP / TETIANA DZHAFAROVA


