Trumps Grönland-Phantasma wird das, was es ist, erst durch falsche Reaktionen. Viele europäische Staaten und ein Großteil der Presse nähren und fördern seine narzisstische Persönlichkeitsstörung anstatt ihm eine Ein-Wort-Antwort zu geben: „Nein!“
Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Erpresser, dessen Bedingungen man erfüllt und ihm somit legal gibt, was er sich illegal zu nehmen drohte, durch dieses Nachgeben befriedigt wird und aufhört, ein Erpresser zu sein? Die Antwort ist einleuchtend. Doch nichts kann in unseren Zeiten so einleuchtend sein, dass nicht ein Gros der öffentlichen Stimmen es ignoriert. Man müsse Trump »ernst nehmen«, man »sollte weiter mit ihm reden« und die USA seien »weit von Verhältnissen wie in Russland oder China entfernt« – das liest man in den angeblich besten deutschsprachigen Zeitungen.
Was geschah, nachdem man Adolf Hitlers – wie er selbst sagte – »letzte territoriale Forderung« erfüllte, und ihn das Sudetenland annektieren ließ? Er griff nach dem nächsten Territorium, nämlich Polen – diesmal ohne um Erlaubnis zu fragen. Hat man aus der Geschichte nicht gelernt? Es sieht nicht danach aus. Es gibt kaum Artikel, die schreiben, was allen klar sein muss: 1. Es gibt keine Grönland-Debatte. 2. Die Souveränität Dänemarks ist nicht antastbar. Die Zugehörigkeit Grönlands zu Dänemark besteht seit über 200 Jahren und wurde vor fast 100 Jahren vom Internationalen Gerichtshof bestätigt. 3. Mit Trump kann und soll man nicht reden. Die westlichen Staaten müssen ihre Botschafter abziehen.
Das Phantasma des Polit-Clowns
Man sollte die Wahrheit aussprechen. Weder Donald Trump noch Sebastian Kurz noch andere Polit-Clowns, die als bezahlte Schreihälse superreicher Oligarchen gegen die Demokratie mobil machen, sind intelligent. Auch ihre Berater sind es nicht. Sie bedienen sich sehr weniger, immer wiederkehrender Methoden. Jede und jeder kann tun, was sie tun, vorausgesetzt man hat ebensowenig Anstand.
Eine dieser Methoden ist das scheinbar willkürliche Aufbringen von Themen, die von den servilen Medien durch die Darstellung als »Diskussion«, »Streit um …« oder »Wirbel um …« tatsächliche Legitimation erhalten sollen. Man kann alles behaupten. Man kann behaupten, dass einem der Mond gehört, weil die eigenen Vorfahren ihn 1756 von Friedrich dem Großen geschenkt bekommen haben, wie es einmal ein Mann aus Westerkappeln in Westfalen getan hat. Man kann die Legitimität und Richtigkeit dieser und jener Sache bestreiten und hoffen, dass sich die Presse dazu hinreißen lässt, ihrer Absurdität Raum zu geben. Wenn allerdings die Polit-Clowns ihre Phantasmen in die Welt setzen, gibt es sehr wohl immer einen Hintergrund. Und sie verfolgen damit immer ein Ziel: Drohen und Erpressen.
Eine »Debatte« erfinden
Im Jahr 2020 hat Sebastian Kurz – damals noch ein Bundeskanzler, der, wenn er gewollt hätte, mit wenigen Sätzen eine Debatte über Fehler in der Relativitätstheorie und einen runden Tisch dazu im Kanzleramt ins Leben hätte rufen können – eine »Debatte« über »rote Netzwerke« in der Justiz angezettelt. Der wahre Hintergrund war, dass er von Ermittlungen gegen sich selbst und Parteifreunde erfahren hatte, der Staatsanwaltschaft drohen und ein großzügiges Übergehen der anhängigen Verdachtsmomente erpressen wollte.
Nicht anders ist es mit der sogenannten »Grönland«-Debatte, die Donald Trump vom Zaun gebrochen hat. Ich verstehe nicht, warum jemand das Weiße Haus betritt, um mit ihm über die Souveränität Dänemarks zu debattieren. Man könnte natürlich die Souveränität jedes Staates oder seiner Teile hinterfragen. Etwa könnte man die Rechtmäßigkeit der Einverleibung Hawaiis und Alaskas durch die USA für rechtswidrig erklären oder den Staat USA in Frage stellen und die unrechtmäßige Aneignung eines Kontinents durch Verbrecher und Seeräuber für nichtig erklären, da sie auf dem Genozid an der Urbevölkerung dieses Kontinents fußt.
Die Feigheit
Man könnte klarstellen, dass man nicht über Grönland diskutiert, weil es nichts zu diskutieren gibt. Was Trump weitermachen lässt, ist die Feigheit mancher Staaten wie Deutschland, angemessen auf seine Erpressung zu reagieren: In der Süddeutschen Zeitung schreiben Jan Diesteldorf und Josef Kelnberger:
Der französische Präsident Emmanuel Macron hatte am Samstagabend die drastischsten Worte gefunden. Europa werde sich nicht einschüchtern lassen, „weder in der Ukraine noch in Grönland“. Trumps Griff nach der dänischen Insel gleichzusetzen mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine – das ist die maximale rhetorische Eskalation. Bundeskanzler Friedrich Merz reagierte zunächst gar nicht und ließ darauf verweisen, man befinde sich in enger Abstimmung mit den Partnern.
Widerstand der Republikaner
Aber wer ist Merz‘ Partner? Steht Deutschland in der NATO dem Angreifer oder dem Angegriffenen zur Seite, wenn beide NATO-Mitglieder sind? So oder so treffen die neuen »Zölle«, die acht westeuropäische Staaten bestrafen sollen, die Importeure in den USA und werden eine neuerliche Teuerung und weitere Schwächung der US-Wirtschaft zur Folge haben. Leider wird das vor allem in der bürgerlichen Presse zum Teil missverständlich, zum Teil falsch kommuniziert.
Und wie Giselle Ucar aus New York für die ARD-Tagesschau berichtet, wird Trump nun auch mit Widerstand aus der eigenen Partei konfrontiert sein:
Besonders viel politischen Zuspruch erhält der US-Präsident dafür nicht. Selbst aus den eigenen Reihen kommt laute Kritik. Deutliche Worte fand der republikanische Kongressabgeordnete Don Bacon bei CNN: „Diese Drohungen und Schikanen einem Verbündeten gegenüber sind falsch. Und, falls er es ernst meint mit einer Invasion Grönlands, möchte ich, dass er weiß: Das wäre wahrscheinlich das Ende seiner Präsidentschaft. Die meisten Republikaner wissen, dass das unmoralisch und falsch ist. Und wir werden uns dagegen wehren.“
Wo er hingehört
Viel besser wäre es also für die europäischen Staaten, dem Völkerrecht demonstrativ den Rücken zu stärken und nicht seine Aufweichung zu befördern, die durch Macht und Erpressung und nicht durch legitime Mittel betrieben wird. Es muss klar sein und klar bleiben, dass es sich dabei um ein Verbrechen handelt.
Denn es ist nicht nur ein Verbrechen, durch die Androhung einer völkerrechtswidrigen Annexion von Teilen Dänemarks etwas erpressen zu wollen. Es ist auch ein Verbrechen, die Souveränität Dänemarks nicht anzuerkennen. Donald Trump ist ein Verbrecher. Den Haag ist, wo er hingehört.
Titelbild: Manon Véret


