Mittwoch, März 18, 2026

Ott-Prozess: Botschaften aus Dubai und eine neue Debatte um 3,30 Euro

Am Mittwoch wurde der Spionageprozess gegen Egisto Ott fortgesetzt. Zuletzt wurde ein Schreiben des flüchtigen Martin Weiss bekannt, der sich damit angeblich aus Dubai meldet. ZackZack liegt eine Kopie des Dokuments vor. Der heutige Prozesstag lieferte dann eine kleine Überraschung rund um eine berüchtigte Meldeauskunft in Kärnten.

Mit einem Überraschungseffekt ließ Anwältin Anna Mair vergangene Woche am dritten Verhandlungstag des großen Spionageprozesses aufhorchen: Die Verteidigerin Egisto Otts legte bei Gericht ein Schreiben vor, das von niemand Geringerem als Martin Weiss stammen soll – also jenem Ex-BVT-Abteilungsleiter, der neben Ott eigentlich auf der Anklagebank sitzen sollte.

Weiss wird seit Jahren in den Vereinigten Arabischen Emiraten vermutet und entzieht sich der österreichischen Justiz. Er gilt als enger Vertrauter Jan Marsaleks und soll von diesem Spionageaufträge an Ott weitergegeben haben; das alles sei im Interesse des russischen Geheimdienstes passiert. Für alle Genannten gilt die Unschuldsvermutung.

Im seit 22. Jänner laufenden Prozess präsentiert Ott nun eine andere, kuriose Erklärung: Er habe mit Abfragen und Abklärungen eines aus Russland geflüchteten FSB-Offiziers nicht den Russen zugearbeitet, sondern im geheimen Auftrag eines „westlichen“ Partnerdienstes gehandelt; mehr könne er aus Verschwiegenheitsgründen nicht sagen. Das Ganze habe sich „Operation Doktor“ genannt und sei dem früheren BVT-Vizechef Wolfgang Zöhrer und Martin Weiss bekannt gewesen.

“Dubai, am 20.01.2026”

Zöhrer, der letzte Woche als Zeuge aussagte, widerspricht dieser Darstellung allerdings vehement und beurteilt die angebliche Operation als „Fake News“. Auch eine ganze Reihe anderer, bei Gericht befragter Staatsschützer konnten die Existenz einer solchen Aktion nicht bestätigen. Lediglich der abgetauchte Weiss will Otts Verteidigungsthese mit einer eidesstattlichen Erklärung stützen.

bildschirmfoto 2026 02 18 um 08.04.38
Eine angeblich aus Dubai verschickte, eidesstattliche Erklärung des flüchtigen Ex-BVT-Abteilungsleiters Weiss.

Bemerkenswert an dem zweifelhaften Schreiben ist das Datum – es soll mit dem 20. Jänner erst zwei Tage vor Prozessbeginn aufgesetzt worden sein. Das ZackZack vorliegende Schreiben soll per E-Mail an Klaus Heintzinger gegangen sein, den Anwalt von Martin Weiss, der auch Verteidiger des mitangeklagten Ex-BVT-Mannes H. ist. Otts Anwältin Anna Mair bemerkte am Rande des Prozesses am Mittwoch, dass man Weiss sehr gerne persönlich hören würde, dies habe bislang aber nicht geklappt. Von den Anwälten ist zu hören, dass das Mail aus Dubai von Weiss “bekannter E-Mailadresse” geschickt worden sei.

Manöver à la Marsalek

Die Botschaft des Dubai-Flüchtlings erinnert an eine Episode aus dem in München laufenden Wirecard-Prozess. Dort hat sich der nach Russland getürmte frühere Wirecard-Vorstand und mutmaßliche FSB-Agent Jan Marsalek 2023 ebenfalls über eine Nachricht an einen Anwalt zu Wort gemeldet. Marsalek stützte darin die Verteidigungslinie des angeklagten Markus Braun, anstatt sich selbst dem Gericht zu stellen; das Schreiben fiel mit acht Seiten ausführlicher aus.

Bei der Flucht Marsaleks im Juni 2020 über Minsk nach Russland half Weiss mutmaßlich tatkräftig mit. Weiss kontaktierte den früheren FPÖ-Abgeordneten Thomas Schellenbacher; so wurde ein Privatjet in Bad Vöslau organisiert. Abgerechnet wurde unter anderem über Weiss’ damalige Dubai-Firma. Schellenbacher wurde kürzlich wegen Fluchthilfe angeklagt. Weiss, der ab 2016 im BVT als Abteilungsleiter erst krankgeschrieben und dann karenziert war, arbeitete spätestens seit 2018 offiziell für Marsalek.

Sehr späte Fahndung der Ermittler

Weiss wurde im Jänner 2021 für wenige Tage in Untersuchungshaft genommen und gab an, Abfragen bei Ott in Auftrag gegeben zu haben. Er wurde enthaftet und reiste wenige Wochen später nach Dubai aus. Seinem Versprechen, für die Justiz greifbar zu bleiben, kam er seitdem nicht mehr nach – was heimischen Ermittlern bereits im April 2021 auffiel.

Sehr wohl reiste Weiss im Frühjahr 2022 noch einmal nach München, um vor dortigen Staatsanwälten zu Wirecard auszusagen, worüber sich österreichische “Ermittlerkreise” später via profil empört zeigten. Die Behörde in München teilte hingegen gegenüber ZackZack mit, dass ihr damals „von einer etwaigen Fahndung“ nichts bekannt gewesen sei. Nach ZackZack-Recherchen soll Weiss bis Anfang 2023 bei einer Bank in Dubai als “Risk & Compliance Manager” tätig gewesen sein, sein Chef dort war ein Österreicher.

Wie ZackZack dann im November 2024 berichtete, regten die österreichischen Ermittler der zuständigen „AG Fama“ erst im September 2023 – und damit zweieinhalb Jahre nach Weiss’ Ausreise – „Fahndungsmaßnahmen“ an. Im Dezember 2024 verkündete profil schließlich, dass gegen Weiss ein internationaler Haftbefehl erlassen worden sei.

bildschirmfoto 2026 02 18 um 08.10.00
Dieser Amtsvermerk stammt vom 6. September 2023.

Am Mittwoch ging der bis vorerst Anfang März anberaumte Ott-Prozess weiter. Erwartet wurden unter anderem ehemaliges und aktuelles BMI-Spitzenpersonal wie Michael Kloibmüller und Michael Takacs. Klobmüller sagte aufgrund von Krankheit ab, Takacs soll terminlich verhindert sein.

Ott soll laut neuem Dokument für Meldeabfrage bezahlt haben

Erschienen sind hingegen zwei Mitarbeiter des Meldeamtes in Spittal an der Drau. Am Amt der Kärntner Bezirkshauptstadt führte Ott am 24. März 2021 eine Meldeabfrage zum bekannten, Putin-kritischen Investigativjournalisten Christo Grozev durch, der damals in Wien lebte. Im Sommer 2022 brachen mutmaßlich von Jan Marsalek gesteuerte Bulgaren in dessen Wohnung ein. Die Idee zur Anfrage war an Ott von Martin Weiss herangetragen worden, wie Chats zeigen. Zu Beginn des Prozesses erklärte Ott, er habe lediglich ein Treffen mit dem Journalisten beabsichtigt.

Strittig ist jedenfalls, wie Ott die Abfrage durchführte. Die Staatsanwaltschaft sagt, er habe in Täuschungsabsicht eine polizeiliche Dienstkokarde vorgezeigt, sich dadurch Meldegebühren gespart und die Republik dadurch um 3,30 Euro geschädigt – ein scheinbar kleines Detail, das sich in der Anklage jedoch durchaus prominent findet. Frühere Berichte, wonach Grozev über eine Meldesperre verfügt hätte, wurden von der Staatsanwaltschaft mittlerweile verneint.

Ott beteuerte stets, er hätte für die Auskunft kein Polizeidokument vorgelegt und sie normal bezahlt – also ein Vorgang, den jeder Bürger machen könne.

design ohne titel (11)
Die Meldeabfrage zum Journalisten Christo Grozev, laut Stempel (unten links) hätte Ott dafür regulär bezahlt. Anm: ZackZack hat die Unterschrift der Mitarbeiterin des Meldeamts (unten rechts) unkenntlich gemacht.

Die Mitarbeiterin des Meldeamtes sagte dann am Mittwoch zunächst aus, ihr sei in der Rückschau eine runde Polizeimarke in Erinnerung, die Ott vorgezeigt hätte. Sie sei sich demnach auch sicher, dass Ott dadurch nicht für die Abfrage bezahlen musste – es hätte sich nämlich um “Amtshilfe” für einen Polizisten gehandelt.

Für eine kleine Überraschung sorgte dann allerdings Anwältin Mair, die eine Kopie der damaligen Meldeabfrage vorlegte, wonach anhand des Stempels ersichtlich sei, dass Ott die 3,30 Euro bezahlte. Die Mitarbeiterin gab sich dazu sichtlich verwirrt; sie bestätigte, dass der Stempel und die Unterschrift ihre seien. “Ich kann mich daran nicht mehr erinnern, aber offenbar ist die Gebühr entgegengenommen worden”, so die Zeugin. An der Erinnerung, dass Ott eine Polizeimarke dabei hatte, würde sie festhalten.

Am Nachmittag wurde noch ein BFA-Beamter und ein BVT-Gelegenheitsinformant kurz befragt, anschließend vertagt. Am Donnerstag wird fortgesetzt.


Update 11:00 Uhr: Erzgänzung zum Schreiben von Martin Weiss; Prozessprogramm für Mittwoch; Artikel wird gegbenenfalls laufend ergänzt.

Update 14:55 Uhr: Ergänzung um Aussage zur Meldeabfrage

Titelbild: Titelbild: APA / ROLAND SCHLAGER / picturedesk.com / ZackZack-Montage

Autor

  • Thomas Hoisl

    Ist seit April 2024 bei ZackZack. Arbeitete zuvor u.a. für "profil". Widmet sich oft Sicherheitsthemen oder Korruptions-Causen.

ZackZack-Shop
webseitenewsletter banner (8)
LESEN SIE AUCH

Liebe Forumsteilnehmer,

Bitte bleiben Sie anderen Teilnehmern gegenüber höflich und posten Sie nur Relevantes zum Thema.

Ihre Kommentare können sonst entfernt werden.

10 Kommentare

10 Kommentare
Meisten Bewertungen
Neueste Älteste
Inline Feedbacks
Zeige alle Kommentare