Sonntag, Februar 1, 2026

Wer hält den Negativismus noch aus?

Die Weltlage und unser Lebensgefühl: Was tun, wenn sich alles aufs Gemüt schlägt?

Es liegt wahrscheinlich in der menschlichen Natur, dass wir uns bis zu einem gewissen Grad an das Vertraute klammern, jedenfalls solange das Ungewohnte nicht gerade eine Verbesserung verspricht. Bricht vor unseren Augen die gewohnte Welt zusammen, wollen wir ein bisschen von der alten Sicherheit zurück, selbst wenn diese auch nicht gerade prickelnd war. Wenn Trump die Weltordnung zertrümmert und Unsicherheit für alle etabliert, dann hoffen nicht wenige, dass ihn irgendjemand bremst, einlullt oder ihm Honig ums Maul schmiert, damit er nicht alles in rauchende Ruinen verwandelt.

Nato-Generalsekretär Mark Rutte schreibt dann seine peinlichen, würdelosen SMS („Was Du in Syrien erreicht hast, ist unglaublich… Kann es kaum erwarten, Dich zu sehen“), Friedrich Merz sagt auch irgendeine armselige Freundlichkeit. Die Hoffnung: Vielleicht kann man ja irgendeine labile Balance halten, vielleicht geht ja diese üble Ära irgendwie vorüber und es wird wieder ein bisschen so, wie es früher war. Nicht ganz verrückt gedacht, aber, siehe oben, wahrscheinlicher ist, dass das alles schon unter Verleugnung fällt. Ein Abwehrmechanismus, um eine angstauslösende Tatsache nicht anerkennen zu müssen, nämlich den Einsturz der vertrauten Welt.

Diese Tatsache lautet: Die Wirklichkeit, wie wir sie gewohnt waren, existiert einfach nicht mehr. Sie ist vorbei. Wir haben eine Art Phantomschmerz einer Welt gegenüber, die untergegangen ist, und wahrscheinlich nicht erst mit Trump.

Die Hamburger „Zeit“ hatte in ihrer vergangenen Ausgabe als knalligen Hefttitel für die Laufkundschaft, die man zum Zeitungskauf motivieren will: „Wie halten wir das alles aus?“

Ist es frivol, wenn wir jammern?

Da sich die Wochenzeitung vor allem an das deutschsprachige Publikum in Deutschland, Österreich und der Schweiz richtet, kann man natürlich sagen: diese Titelung ist etwas frivol. In der Ukraine sterben und frieren die Menschen, in Gaza verreckten hunderttausend Leute, das Hamas-Massaker kostete über tausend Menschenleben, in den USA werden die Bürger auf offener Straße malträtiert und von Trumps Hooligan-Armee hingerichtet, im Iran schießt das Regime zehntausenden Protestierenden Löcher in die Körper, im Mittelmeer ertrinken Migranten, in den USA werden sie in KZs nach El Salvador deportiert und Kinder von der Schule weg gefangen…

Bei uns keuchen wir allenfalls unter Inflation, die unser Haushaltseinkommen reduziert und leiden daran, dass sich unser Lebensgefühl ändert. Da ist es fast ein wenig obszön, unser Leiden an den schlechten Nachrichten zu thematisieren.

Gewiss, bei uns werden die Rechtsextremisten immer stärker, die auch autoritäre Menschenjägerregimes errichten wollen – aber sie herrschen nicht, sie regieren nicht und unsere Viertel werden weder von einer Gestapo noch einer ICE terrorisiert. Jedenfalls nicht in Österreich und Deutschland auf Bundesebene. Aber schon die Tatsache, dass sie immer stärker werden, lähmt, löst eine eigenartige Starre aus, trübt das Gemüt der Einzelnen und das gesellschaftliche Klima aller ein. Manche empfinden Resignation oder mindestens Pessimismus. Das Zeitgefühl, das Empfinden von Temporalität ist plötzlich bedrohlich geworden: Ging man früher davon aus, dass alles so weiterläuft oder das Leben sogar allmählich besser würde – so setzt sich jetzt die Gewissheit durch, dass das Morgen schlechter als das Heute sein wird und das Übermorgen wieder schlechter als das Morgen.

Wer hält diesen Negativismus noch aus?

„Wie halten wir das alles aus?“, ja, die Frage ist obszön, aber zugleich auch journalistisch total berechtigt, denn alles, was von vielen Menschen stark empfunden wird, ist es wert, thematisiert zu werden.

Der Negativismus frisst sich in alles hinein, ist eine Quelle des Aufstiegs der radikalen Rechten. Dieser Aufstieg führt zu noch mehr Negativismus, weil nicht mehr leicht zu erkennen ist, wie man aus dieser Spirale der Übellaunigkeit herauskommen soll. So nährt sich der Negativismus selbst und auch der Rechtsextremismus.

Es ist komplex und zum Verzweifeln, weshalb viele Menschen versuchen, so gut es geht die Ohren zuzuklappen. „News Avoidance“ – „Nachrichtenvermeidung“ – ist zu einer neuen Modevokabel geworden, und heißt nichts anderes: Menschen scheuen den Griff zur Zeitung, sie hören und sehen keine Nachrichten mehr, um den schlechten Nachrichten aus dem Weg zu gehen, weil diese doch nur ihr Gemüt belasten würden. Den Griff zum Smartphone scheuen sie dann doch nicht, oder sie können ihn nicht vermeiden, weil die suchtmachenden Algorithmen ihren Sog haben und weil wir uns längst zu Junkies ummontiert haben. So kommt das Deprimierende erst recht wieder in die Gehirne und die Depression gleich mit, die ja mit der Hektik, den Reels, der Sucht und der Aufmerksamkeitsgestörtheit von uns Social-Media-Zombies Hand in Hand geht wie Laurel und Hardy.

Von der Nachrichtenvermeidung zum Eskapismus

Eskapismus, also Weltflucht, das Ignorieren von all dem und die Freude an paar schönen Dingen – Film, Kino, Theater, ein Spieleabend mit Freundinnen, Kochen mit den Kindern, eine fantastische Reise an herrliche Destinationen, was auch immer – mag ein Ausweg sein. Eskapismus hat einen schlechten Ruf. Kann auch gut kombiniert werden, je nach Mentalität, mit der Betäubung durch Koks, Sexsucht, Datingwahn, Alkohol, durch die Nacht im Klub voller Erlebnishunger und Menschenappetit, bei der man all das ein paar Augenblicke, Stunden oder Nächte vergisst. Wird für ein paar Leute funktionieren. Ist natürlich ungesund. Aber das ist das depressive, sorgenvolle Grübeln auch, und die Schlafstörungen, die eine Epidemie der Jetztzeit geworden sind.

„Eskapismus ist die Freiheit, die man sich gestattet, weil man sie braucht. Vielleicht ist Eskapismus für den Weg aus unseren Krisen sogar genau so entscheidend wie Technik und Wissenschaft. Um die Welt zu verändern, muss man zuerst einen Schritt zur Seite treten, von ihr weg, um zu erkennen, was nicht mit ihr stimmt“, schrieb vor ein paar Jahren schon die „Süddeutsche Zeitung“. Eskapismus wäre also, wenn man den Blick und die Aufmerksamkeit von all dem Belastenden wegrichtet, den Rücken zur Welt dreht.

Einübung in die Kälte und Distanziertheit

Eine andere Umgangsweise wiederum ist das, was die Gelehrten als Stoa bezeichnen, die Alltagssprache „das Stoische“, also eine „Lebenspraxis der Gelassenheit“, wie das der Kulturwissenschaftler Helmut Lethen nennt: „Spielregeln der Distanz“, eine Art von Kälte, die das Geschehen betrachtet, ohne sich von ihm berühren oder überwältigen zu lassen. Gerne geht sie mit einem Kult der Kälte einher. Wenn zur geistigen Situation unserer Zeit der Betroffenheitskult zählt, das Emotionale, aber auch die Angst, die Erregungsbewirtschaftung, die vorschnelle Empörung, also all die Spielarten des Aufgewühltseins, so ist das Stoisch-Distanzierte eine Einübung darin, sich eben nicht so leicht erschüttern zu lassen.

Dieser Kältekult stellt sich dann, bildhaft gesprochen, so dar: Ein Erdbeben verwüstet die Gegend. Der Stoiker tritt aus der letzten, wackeligen Ruine. Er schnippt sich den Staub vom Anzug. Und zündet sich wie der Marlboro-Mann in vollendeter Coolness eine Zigarette an, begutachtet den Schaden. Mit dem distanzierten Interesse, das jenem eigen ist, der gar nicht so schlecht findet, eine existenzielle Erfahrung gemacht zu haben und der das Leid der Opfer nicht an sich heranlässt. Und seine eigene Angst auch nicht. Wie heißt es in dem legendären Brecht-Gedicht? „Bei den Erdbeben, die kommen werden, werde ich hoffentlich / Meine Virginia nicht ausgehen lassen durch Bitterkeit.“

Unglücklicherweise geht diese Tugend der distanzierten Sachlichkeit gerne mit einem buchstäblichen Kult des Kalten, des Amoralischen einher, mit einem Ästhetizismus, der häufig auch nur eine alberne Pose ist, und im Extremfall sogar mit den Haltungen der radikalen Rechten kompatibel, die hochhält, dass sich nur gutmenschliche Charaktere vom Leid anderer berühren lassen. „Toxic Empathy“ – „toxische Empathie“ – nennt man das in diesen Kreisen.

Kaltblütigkeit ist am Ende auch keine Lösung.

Autor

  • Robert Misik

    Robert Misik ist einer der schärfsten Beobachter einer Politik, die nach links schimpft und nach rechts abrutscht.

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