In Berlin sind nach dem Anschlag auf zentrale Stromleitungen die Störungen erst Tage später behoben worden. Wer dahintersteckt wird immer unklarer. Wien ist angeblich besser gerüstet.
Der Berliner Teltow-Kanal ist in den frühen Morgenstunden des 3. Jänner Tatort eines folgenschweren Sabotageakts geworden. Die linksextreme „Vulkangruppe“ bekannte sich übereinstimmenden Medienberichten zufolge zunächst zu dem Brandanschlag auf zentrale Kabeln der Berliner Stromversorgung. An der Urheberschaft des Anschlags mehren sich seitdem aber Zweifel. Seit Samstag, den 3. Jänner 2026, hatten zehntausende Haushalte in Berlin auch am Mittwoch noch immer keinen Strom. Erst am Donnerstag wurde die Stromversorgung wiederhergestellt.
Ist ein derartiger Angriff mit schweren Folgen auch in Wien möglich? ZackZack hat bei den zuständigen Stellen nachgefragt und sich ein Bild gemacht.
Wien besser abgesichert als Berlin
Das Berliner Stromnetz galt als sehr zuverlässig. Trotzdem schafften es unbekannte Täter, ganze Berliner Randbezirke von der Stromversorgung abzuschneiden. Auch am Mittwoch sind noch tausende Haushalte ohne Strom. Der Brand einer Kabelbrücke und ein danach absichtlich ausgelöster Kurzschluss brachten Teile des Berliner Netzes zum Kollaps.
In Wien wäre ein solcher Anschlag womöglich schwieriger zu bewerkstelligen. Denn „jede Netzkomponente und jedes Kabel verfügt im Falle einer Störung über einen Ersatz. Bei Ausfall einer Leitung können betroffene Haushalte durch Umschaltungen über ein anderes System versorgt werden“, heißt es bei den Wiener Netzen.
In den noblen Berliner Bezirken, die durch die Sabotage eines einzelnen kritischen Punktes tagelang vom Strom abgetrennt waren, war das offensichtlich nicht der Fall.

In Deutschland ist nach dem Anschlag eine Debatte über die öffentliche Einsehbarkeit kritischer Infrastruktur entbrannt. Auf ZackZack-Anfrage heißt es von den Wiener Netzen dazu, dass das Wiener Stromnetz alle sicherheitstechnischen Anforderungen erfüllt „die für kritische Infrastrukturen gelten. Mit zu diesen Anforderungen gehört auch, dass sicherheitsrelevante Aspekte des Netzes nicht öffentlich gemacht werden.“ Um die Sicherheit zu erhöhen würden jährlich 440 Millionen Euro in die Wiener Netze investiert. Außerdem werden jedes Jahr Übungen mit sicherheitsrelevanten Behörden und anderen Stromversorgern abgehalten. Mit gezielter Sabotage haben diese Übungen jedoch wenig zu tun. Man bereitet sich vielmehr auf Stromknappheit und einen Ausfall von bestimmten Kraftwerken oder Leitungen vor.
Dass das Wiener Stromnetz besser sei als das Berliner Pendant wollte die Sprecherin der Wiener Netze, Manuela Gutenbrunner, gegenüber ZackZack nicht sagen: „Strom/Energienetze sind in verschiedenen Staaten und Städten sehr unterschiedlich und dadurch nicht vergleichbar.“ Das Kraftwerk in Simmering ist aber von äußeren Einflüssen unabhängig und kann auch im Falle eines Blackouts weite Teile Wiens mit Strom versorgen, sind die Wiener Netze überzeugt.
Von den Zuständigen in der Stadt Wien und dem Energieministerium wollte ZackZack wissen, ob der Anschlag in Berlin zum Anlass genommen wurde, bei der physischen Sicherheit der Netze nachzuschärfen. Diese Frage beantworteten jedoch weder Wiener Netze, noch das Hattmannsdorfer-Ministerium.
Regelmäßige Risikoanalysen
Christoph Schuh, Sprecher der Austrian Power Grid AG, die sich mit der Versorgungssicherheit in Österreich befasst, stellt gegenüber ZackZack klar: „Eine 100-prozentige physische Sicherheit gibt es natürlich nicht. Beim Thema Objektsicherheit [bei großen Umspannwerken und Kraftwerken] agieren wir sehr vertraulich. Es gibt Kooperationen mit der Polizei und dem Bundesheer.“
Auch das Innenministerium ist am Schutz kritischer Infrastruktur beteiligt. Mit 1. März 2026 tritt das “Resilienz kritischer Einrichtungen-Gesetz” (RKEG) in Kraft, das eine entsprechende EU-Richtlinie umsetzt. Das RKEG verpflichtet das BMI dazu, kritische Einrichtungen zu bestimmen und zu kontrollieren. Alle vier Jahre müssen die vom BMI ernannten Einrichtungen eine Risikoanalyse vorlegen. Involviert ist auch die “Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst”, wie ZackZack auf Anfrage erfährt: „Die Betreiber tragen die primäre Verantwortung für die sichere Stromversorgung. Der Staat – insbesondere das BMI und die DSN – unterstützt, koordiniert, überwacht und stärkt die Resilienz, sowohl im physischen als auch im Cyberbereich. Ereignisse wie die Anschläge in Berlin unterstreichen die Bedeutung dieser engen und dauerhaften Zusammenarbeit zum Schutz kritischer Infrastruktur in Österreich.“
Russische Sabotage oder Linksextremisten?
Seit Dienstag wird in Berlin offen bezweifelt, ob der Brandanschlag am Teltow-Kanal wirklich von der linksextremen „Vulkangruppe“ verübt worden sei. Grund dafür sollen nicht nur sprachliche Mängel im Bekennerschreiben sein, die auf eine Übersetzung aus dem Russischen hindeuten, wie mehrere deutsche Medien übereinstimmend berichten.
Auch ein neues Schreiben der „Vulkangruppe“ bestreitet, mit den Anschlägen auf Netz-Infrastruktur etwas zu tun zu haben: „Unsere Interventionen richteten sich gegen Kriegspolitik, nicht gegen gesellschaftliche Grundversorgung, nicht gegen Menschen im Alltag.“ Man distanziere sich „von allen Aktionen der letzten Jahre, die unter unserem Namen oder mit Bezug auf uns durchgeführt wurden. Diese Veröffentlichungen sprechen nicht für uns.“ Die Verwirrung in Deutschland ist perfekt.
Die Berliner Polizei legte sich aufgrund des ersten Bekennerschreibens früh auf eine linksextremistische Tat fest. Die Echtheit dieses Schreibens muss mittlerweile jedoch stark angezweifelt werden. Sicherheitskreise in Deutschland halten offiziellen Angaben zufolge alle widersprüchlichen Schreiben der “Vulkangruppe” für authentisch. Das Bundesamt für Verfassungschutz geht offenbar von mehreren unterschiedlichen “Vulkangruppen” aus. Es scheint, als hätten die deutschen Ermittler kaum Informationen über die mutmaßlichen Linksextremisten.
Was für die russische Beteiligung sprechen könnte sind gezielte parlamentarische Anfragen der AfD zu kritischer Infrastruktur in Deutschland. „Schon seit geraumer Zeit beobachten wir mit zunehmender Sorge, dass die AfD das parlamentarische Fragerecht dazu missbraucht, gezielt unsere kritische Infrastruktur auszuforschen“, sagte der Innenminister von Thüringen, Georg Maier (SPD) dem Handelsblatt im Oktober 2025. Allein in Thüringen hatte die rechtsextreme Partei mit guten Kontakten nach Russland in zwölf Monaten 47 Anfragen zu kritischer Infrastruktur gestellt.
Titelbild: Canva


