Sonntag, April 5, 2026

Unter fernen Oliven

In der Zeit der Krisen und Teuerungswellen wird auch dort abgeschafft und abgebaut, wo der Rohölpreis wohl kaum verantwortlich sein kann: Vor allem in der Kultur. Als Ersatz bleibt uns der Eurovision Song Contest.

Otto Bauer nennt in seinem Aufsatz »Krise und Teuerung« in einem Rückblick von 1825 bis 1907 insgesamt elf Wirtschaftskrisen. In ihrem Zentrum stand auch immer eine Teuerungswelle für die Verbraucher. Dazu Bauer: »Was diese furchtbare Teuerung für unsere Konsumtionsgüterindustrien – für die Textilindustrie und die Bekleidungsgewerbe vor allem – bedeutet, kann keinem Zweifel unterliegen. Die breiten Massen der städtischen Bevölkerung müssen einen schnell wachsenden Teil ihres Einkommens für die Nahrungsmittel aufwenden. Vom Reste verzehren der steigernde Mietzins, die verteuerten Heizmaterialien, den größeren Teil. Was kann unter solchen Umständen der Arbeiter, der Handwerker und Kleinhändler, der Beamte und Angestellte für die Befriedigung seiner Bedürfnisse nach Kleidung, Wäsche, Schuhwerk, Möbeln u. s. w. erübrigen?«

Der heute vielbemühte Spruch von »einer Zeit multipler Krisen« trifft also nicht nur auf unsere Zeit zu. Gerade musste Österreich nach sieben Jahren der Regierungsmisswirtschaft von 2018 bis 2025 eine Teuerungswelle über dem EU-Schnitt durchmachen. Nun treibt ein weiterer Krieg, dem wir zujubeln sollen, die Preise in die Höhe. Erstaunlich, was da alles an den Erdölpreis gekoppelt ist.

Trittbrettfahrer der Krisenstimmung

Im Schatten von Krisen passiert aber auch immer noch etwas anderes: Einsparungen und Kürzungen, die vorzunehmen man bis dato gezögert hatte, werden nun im Windschatten des allgemeinen Gejammers durchgeführt. Es sind die Trittbrettfahrer der Krisenstimmung, die hier tätig werden.

Der österreichische Kulturjournalismus, der sich wirklich einmal sehen lassen konnte, steht nur mehr mit Krücken: Viele Zeitungen und Medien haben heute keine/n Theaterkritiker/in und keine/n Literaturkritiker/in mehr in der Redaktion. Der Abbau beschleunigt den Niedergang der Verlage, Theater, Autorinnen und Autoren, denen die Öffentlichkeit fehlt, die sie brauchen. Eine Lose-Lose-Situation, die fatale Auswirkungen hat. Das elende Wir-müssen-sparen, das ich aus der Politik seit 1981, also seit fünfundvierzig Jahren höre, macht sich gut neben der Produktion von Melania-Trump-Filmen, sinnlosen Mondmissionen, sinnlosen Kriegen, dem Börsengang eines Unternehmens um 1,75 Billionen Dollar und der erneuten Anschaffung von Kampfflugzeugen durch das Österreichische Heer. Man sieht deutlich: Wir haben kein Geld.

Nicht einmal das

In Deutschland nutzt Kulturstaatsminister Weimer jede Möglichkeit und kümmert sich nicht um sein Ressort, sondern darum, reine Parteipolitik zu betreiben und politische Gegner zu bekämpfen. Kultur, so scheint es, ist der Ort, wo man Politikerinnen und Politikern, die man in den eigenen Reihen für gefährlich hält, in einer Art betreuten Tagesheimstätte Spielraum dazu lässt, die lässlichsten Einsparungen durchzuführen.

Frühere autoritäre Systeme betrieben gloriose Unterhaltungsindustrien, die für Ablenkung sorgten, jenem Eskapismus, der uns dafür belohnt, dass wir die Freiheit endlich überwunden haben und sie durch unsere schöne Pflicht des Gehorsams gegenüber den Mächtigen ersetzt wurde. Wir aber haben nicht einmal das. Wir haben nur den Eurovision Song Contest.

Unter Ferner liefen

Der Song Contest macht heute Schlagzeilen und man findet sie auch in der Rubrik Kultur. Von mir aus sollen solche Artikel dort auch stehen; die Betonung liegt auf »auch«. Wenn sich der Villacher Fasching in die Rubrik zu den Buchbesprechungen und Theaterkritiken mischt, dann soll es so sein. Nicht aber, wenn er sie ersetzt. Und das ist leider die Situation, mit der wir konfrontiert sind.

Wenn sich die Situation so weiterentwickelt, werden in den Medien in fünf bis zehn Jahren Literatur, Kunst, Theater und Film gar nicht mehr besprochen werden. Unlängst sah ich den Bericht über eine Theaterpremiere – in der Sendung »Seitenblicke«. Wir müssen also anderswo Unterschlupf finden. Vielleicht im Wetterbericht? Oder unter Ferner liefen. Als Kind habe ich immer geglaubt, dass es Unter fernen Oliven heißt.

Geteiltes Leid

Der Eurovision Song Contest ist immer schon grauenhaft gewesen. In den letzten Jahren hat man, um seinen schalen Geschmack und seine Fadesse zu vertreiben, zu einer Methode gegriffen, die einzig und alleine hilft, wenn man Oktoberfeste, Kirtage und Zeltfeste überleben muss – man tritt in Horden auf. Public Viewing heißt diese Philosophie des geteilten Leids heute. Ich habe eine andere Strategie: Je mehr die Literatur ignoriert wird, desto mehr ignoriere ich, was sie ersetzen soll.

Für die Demokratie ist die steigende Ignoranz und Gleichgültigkeit gegenüber der Marginalisierung der Kultur gefährlich. Die Politik fühlt sich von der allgemeinen Stimmung schon ermächtigt, tiefgreifende und existenzbedrohliche Schritte in der Kulturpolitik zu setzen, wie wir es in der Steiermark sehen, wo die FPÖ plant, die Landesabgabe zur ORF-Gebühr im Jahr 2027 abzuschaffen. Die Einnahmen daraus bislang für die Finanzierung von Kunst, Kultur und Sport zweckgewidmet.

Kulturland

»Wir sind Kulturland« – dieser Satz hat mich immer schon gestört. Vermutlich weil der Gliedsatz dazu fehlt. Bert Brecht hat einmal geschrieben, dass Sokrates Glück gehabt hatte, dass nach seinem »Ich weiß, dass ich nichts weiß.« ein zweitausend Jahre andauernder Applaus ausgebrochen ist. Denn eigentlich hätte er sagen wollen: »Ich weiß, dass ich nichts weiß, denn auch ich habe nicht studiert.«

Wie lautet also der ganze Satz? »Wir sind Kulturland, nur kosten darf es nichts.« Oder: »Wir sind Kulturland, denn wir schauen uns den Song Contest gemeinsam an.«


Titelbild: Miriam Mone 

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

ZackZack-Shop
webseitenewsletter banner (8)
LESEN SIE AUCH

Liebe Forumsteilnehmer,

Bitte bleiben Sie anderen Teilnehmern gegenüber höflich und posten Sie nur Relevantes zum Thema.

Ihre Kommentare können sonst entfernt werden.

11 Kommentare

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
11 Kommentare
Neueste
Älteste Meisten Bewertungen
Inline Feedbacks
Zeige alle Kommentare