Montag, März 30, 2026

Ich will nicht

Offen spricht der Präsident der Vereinigten Staaten aus, dass er sich über den Tod eines Menschen freut. Die Barbarei eines selbsternannten Christen kennt keine Grenzen. Und die Welt muss darüber »diskutieren«.

Meinen ersten richtigen Job (Ferial- und Teilzeitjobs ausgenommen) begann ich nach der Ableistung des Zivildienstes in der Bestellabteilung einer Buchhandlung. In meinem Büro gab es eine entzückende Mitarbeiterin, die jeden Tag mit eingeschlafenem Gesicht und schlechter Laune ins Büro kam, ihren kleinen Rucksack abnahm, auf den Schreibtisch warf und laut sagte: »Ich will nicht!« (Eigentlich sagte sie: »I wü ned!«). Diese Reinkarnation des Bartleby werde ich niemals vergessen und der Spruch »I wü ned!« ist in meinem Haushalt inzwischen zu einem gängigen Sager geworden. Sie lebe hoch, die unvergessliche Kollegin V., wo auch immer sie sich jetzt befindet!

In der vergangenen Woche habe ich – gemäß eigenem Plan – keine Nachrichten gelesen, gehört, geschaut. Nicht zu verhindern war es allerdings, dass mir in Gesprächen Fetzen von Nachrichten hinterbracht wurden. Eine davon war die Wiedergabe eines Postings von Donald Trump zum Tod eines ihm offensichtlich nicht genehmen Menschen: »I am glad, he is dead!« Und ich musste ins Leere sagen:  »I wü ned!«

Blau ist rot

Mit Donald Trump halten die nackte Gemeinheit, der nackte Revanchismus, die Reaktion eines narzisstischen Kindes Einzug in die politische Sprech- und Handlungsweise. Doch statt des Kindespsychiaters kommen Menschen, die uns erklären, man müsse »mit ihm sprechen«. Man müsse »diskutieren«. Schon morgen könnte Trump auch sagen: »Blau ist rot«. Und einen Tag darauf wird ihm die Hälfte der Menschen recht geben. Oder er sagt noch zu Lebzeiten seiner Feinde, wen er sich tot wünscht.

Klar ist, dass wir uns hier auf ein Terrain begeben, das christliche Werte per se negiert und dabei behauptet, das Christentum zu vertreten. Was kann das für ein Christentum sein, das hier vereinnahmt und dann düpiert wird?  Perfider geht es nicht.

Mit dem Latein am Ende

Um nicht von Demokratie zu sprechen und ihrem unerlässlichen Grundgedanken, dass man sich mit Widerspruch und anderen Stimmen befassen muss und sie sich nicht tot wünscht. Was sagt mir der Satz: »I wü ned!«? Er sagt mir vor allem das Eine: dass ich es müßig finde, mich überhaupt mit solchen Äußerungen zu befassen.

Hätte in meiner Kindheit jemand eine derartige Aussage nach dem Tod eines Menschen gemacht, hätten meine Eltern darauf beharrt, dass diese Äußerung zwar deplatziert wäre, wir uns aber auch die soziale und finanzielle Lage zu vergegenwärtigen hätten, in der sich dieser Mensch befände. Stundenlang hätten wir darüber diskutieren müssen. Ich rede hypothetisch von einem bemitleidenswerten Menschen. Jetzt aber geht es um den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Und die Welt der Sprache und der Schrift ist mit ihrem Latein am Ende.

Diskutieren?

Mein ganzes Leben lang habe ich mich über Kirche, Katholizismus und die Vertreter eines scheinbaren Christentums geärgert. Nun aber könnten wir Partner werden, wenn christliches Weltverständnis, konservative und progressive Politik, sich in diesem Fall zusammenfinden und sagen könnten: Hier ist eine Grenze überschritten worden, die niemand überschreiten darf; schon gar nicht in einem hohen politischen Amt. Dieses Amt verlangt auch Reife. Wenn man die Exkulpierung des Sagbaren ausdehnt, wie es Tausende Talk-Shows und alle konservativen Parteien (wider ihre angeblich christlichen Grundsätze) tun, dann wird die nackte Barbarei plötzlich zur Diskussionsgrundlage.

Gegen diese Barbarei auch noch auftreten zu müssen, ist eine impertinente Forderung. Der Mörder könnte dasselbe tun, indem er seinem Opfer vor der Tötung sagte: »Diskutieren wir jetzt einmal, warum ich Sie nicht umbringen sollte« und daraufhin in zig Talkshows eingeladen würde.

Die Entgleisung

Das Problem unserer heutigen Gesellschaft lässt sich klar benennen: Es gibt neben Verfassung und Gesetzen auch einen demokratischen Konsens. Und es gibt Menschen, die sich über diesen Konsens hinwegsetzen. Da wir ihn für allgemeingültig hielten, haben wir nicht damit gerechnet, dass jemand diesen Konsens schlichtweg ignoriert. Hier beginnt die Entgleisung des Konservativismus.

Und hier begegnen wir einer Schwäche der Demokratie, die uns nun nicht auf den falschen Weg führen und zu Demokratiefeinden machen darf. Nun stehen wir fassungslos vor der Konfrontation mit dieser Ignoranz. In dieser Lage könnten wir den Kopf verlieren und uns populistischen Strömungen anschließen, die immer schon gewusst haben wollen, wer die Schuld für diese Lage trägt. Das ist einfach. Und irreführend. Die andere – viel anstrengendere Möglichkeit ist –, dass wir als große Mehrheit die Demokratie und damit die Meinungsvielfalt nicht nur als Möglichkeit, sondern als eine Summe von Spielregeln auffassen.

Der Anti-Christ und seine Strategie

Wenn Trumps Apostel Petrus, Peter Thiel, Vorlesungen über den Anti-Christ hält, so müsste er sich darin mit Donald Trump beschäftigten. Ich aber muss sagen: Ich will nicht! Ich will mich mit Trump nicht beschäftigen. Vielleicht gehört seine Aussage auch zu der berühmten »Flood the zone with shit«-Strategie. Das wäre nur noch schlimmer, weil es eben strategisch wäre.

Daher sollten Medien einmal überlegen, eine Woche nicht über Trump zu berichten. Und Diplomaten sollte überlegen, nicht mit ihm zu reden. Niemand außer seine superreichen Freunde werden etwas von ihm bekommen. Donald Trump ist eine Schande. Dass er zum zweiten Mal ins Weiße Haus geschafft hat, obwohl die Bevölkerung der USA gewarnt war, ist eine Schande für dieses Land.


Titelbild: Miriam Mone / ZackZack

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

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