Samstag, März 21, 2026

Pilnacek-Polizeiakt: Fast 400 Zugriffe seit Abschluss der Ermittlungen

Die Log-Files der Pilnacek-Polizeiakten werfen weiter Fragen auf. ZackZack konnte den Datensatz einsehen und exklusiv auswerten: Rund 400 der insgesamt 900 Aktenzugriffe fanden nach Ende der offiziellen Ermittlungen statt, 123 Mal wurde der Akt danach “geändert.”

Es war wohl einer der bislang spannendsten Momente im bisherigen Pilnacek-Untersuchungsausschuss: Abgeordnete Nina Tomaselli konfrontierte am Mittwoch vergangener Woche die niederösterreichische Postenkommandantin S. mit Widersprüchen aus neu gelieferten Akten – und brachte die Beamtin in Erklärungsnot.

“Ich weiß es nicht. Ich kann dazu nichts sagen”, wiederholte S. mehrfach auf Fragen, wieso sie fast zwei Jahre nach Ende ihrer Ermittlungstätigkeit auf den Polizeiakt zugegriffen und diesen laut Protokoll auch “geändert” hatte. Momente zuvor hatte die Polizistin selbst erzählt, dass sie nach dem 20. Oktober – sie war Einsatzleiterin am Fundort der Leiche Christian Pilnaceks – nicht mehr mit den Akten betraut war. Dafür fand einen Tag nach den Zugriffen, am 9. September 2025, ein Prozesstermin im Pilnacek-Buchverbotsprozess statt, in dem die Polizistin als Klägerin auftrat. Einen Zusammenhang mit den Zugriffen schloss sie im Ausschuss aus, eine weitere ZackZack-Anfrage zum Thema blieb unbeantwortet.

Seit einigen Wochen liegen dem U-Ausschuss auf Drängen der Grünen brisante Protokolldaten des Pilnacek-Polizeiaktes vor. Die sogenannten “Log Files” stellen tabellarisch dar, welche Beamten wann auf den polizeilichen Ermittlungsakt des LKA Niederösterreich zugegriffen haben. Enthalten sind Datum, Uhrzeit, Benutzername und die Art des Zugriffs – Lesen, Ändern oder Erzeugen. Nicht enthalten ist allerdings, was genau geändert wurde. Das BMI weigerte sich bislang, die Daten mit entsprechenden Unterlagen zu kontextualisieren – erklärte in einer Stellungnahme bloß, dass alle Zugriffe “einen sachlich erklärbaren Zusammenhang” hätten. Die Abgeordneten halten dagegen: Es könne für die Zugriffe natürlich durchwegs legitime Gründe geben – vieles, wie die eingangs geschilderte Episode, sei in der jetzigen, vorliegenden Form aber “nicht nachvollziehbar.”

ZackZack konnte den gesamten Datensatz sichten, visualisieren und exklusiv auswerten und stieß auf eine Reihe weiterer, bemerkenswerter Spuren.

Seit Ende der Ermittlungen: 375 Zugriffe, 123 Änderungen

Ihren Beginn nehmen die vorliegenden Protokolldaten am 20. Oktober 2023 um 11:03 Uhr, sie schließen mit einem vorerst letzten Zugriff am 15. Jänner 2026 um 18:27 Uhr. In Summe ereigneten sich in der gesamten Zeitspanne von über zwei Jahren exakt 900 Zugriffe.

Auffällig ist, dass ein erheblicher Teil der Aktenabrufe – insgesamt 375 Zugriffe und damit über 40 Prozent – erst erfolgten, nachdem die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Krems, der das LKA Niederösterreich zuarbeitete, abgeschlossen waren. Formell passierte das am 1. März 2024. Von den 375 Zugriffen, die seither passiert sind, handelte es sich um 123 “Änderungen”, 250 Mal “Lesen” und zweimal den Vorgang “Erzeugen” – letzteres passierte konkret rund um die eingangs erwähnten Zugriffe der Kontrollinspektorin.

In Summe finden sich 22 Personen sowie ein “Service User” unter den Benutzern, die auf den Akt zugegriffen haben. Fast alle sind eindeutig der niederösterreichischen Polizei beziehungsweise überwiegend dem LKA zuzuordnen, eine Person aus dem Bundeskriminalamt “las” den Akt zweimal im November 2025.

Zu einer ersten Häufung an Zugriffen nach Ermittlungsabschluss kam es rund um die Aufnahme von WKStA-Ermittlungen wegen mutmaßlichem Amtsmissbrauch gegen Beamte des LKA Niederösterreich.

Am 26. März 2024 hatte sich die LPD Niederösterreich an das BAK (Bundesamt für Korruptionsbekämpfung) gewandt, nachdem ab 22. März erste kritische Medienberichte bei ZackZack erschienen waren. Fünfmal gab es am 26. März dann Lesevorgänge durch Personal des LKA. Am 28. März 2024 zog die WKStA das Verfahren an sich, nachdem Martin Kreutner und Karin Wurm in den Tagen zuvor Anzeigen gelegt hatten. Elf Zugriffe durch drei User wurden an diesem Tag verzeichnet, fünfmal wurde “geändert.”

Am 29. März erstellte das LKA dann für die Staatsanwaltschaft Krems einen “Nachtragsbericht”, in dem erstmals die Übergabe von Christian Pilnaceks Gegenständen aus Sicht der Polizei dargelegt wurde. Am Abend dieses Tages wurde von fünf Benutzern insgesamt 26 Mal zugegriffen, acht Änderungen wurden verzeichnet. Weitere Zugriffe im Jahr 2024 waren überschaubar – gut 30 Mal wurde eingesehen, zumeist vom Führungspersonal des LKA.

Mehr Betrieb im Polizeiakt herrscht dann im Frühjahr 2025, als einerseits die OStA Wien die Wiederaufnahme der Ermittlungen prüfen ließ und die WKStA-Ermittlungen einstellte. Vor allem im Sommer 2025 kam es zu einer großen, fast regelmäßigen Zugriffswelle an Lese- und Änderungsvorgängen – in Summe allein 100 Mal im Juli.

Zugriffe durch Beamte, gegen die gleichzeitig ermittelt wurde

Manche der Zugriffe machen zumindest von außen gesehen stutzig. Am Morgen des 19. März 2024 griff etwa ein damaliger Chefermittler des LKA neunmal auf den Akt zu und führte fünf “Änderungen” durch. Zu diesem Zeitpunkt waren die Kremser Ermittlungen abgeschlossen, auch von Medienberichten und neuen Aufträgen durch Staatsanwaltschaften fehlte jede Spur.

In den Akten von StA Krems und der WKStA findet sich zu diesem unmittelbaren Zeitraum lediglich eine anonyme Eingabe in das BKMS-Hinweisgebersystem der Kreutner-Kommission, diese fand einen Tag zuvor, am 18. März statt. Darin wurden erstmals gegenüber Behörden die offiziellen Todesumstände angezweifelt und Ermittlungen kritisiert, angereichert mit allerlei Detailwissen zu Datenträgern und den Gegebenheiten am Fundort. Warum griff der Ermittler ausgerechnet kurz nach dieser brisanten Eingabe auf den Akt zu und nahm Änderungen vor? Gab es einen Zusammenhang und wie erfuhr er davon? Sein Anwalt Peter Zöchbauer lässt ausrichten, dass es “aus rechtlichen Gründen” nicht möglich sei, Antworten zu geben. “Allfällige PAD-Akt Zugriffe meines Mandanten waren rechtskonform”, will man betont wissen.

Kurios erscheint, dass der Beamte, gegen den die WKStA kurze Zeit später Ermittlungen einleitete, weiterhin auf jenen Akt zugreifen konnte, der Grundlage für die Ermittlungen gegen ihn war. Zumindest im Oktober 2024 griff er zweimal zu und führte “Änderungen” durch. Zu dieser Zeit wechselte der Beamte vom LKA ins BMI. Ob die Versetzung im Zusammenhang mit den Zugriffen im Akt stand, konnte sein Anwalt ebenfalls nicht beantworten. Ein illegitimer Zugriff wird entschieden zurückgewiesen.

Zugriffe auf den Akt führte jedenfalls auch der zweite Beamte des LKA durch, gegen den die WKStA parallel dazu ermittelte beziehungsweise ihn als Verdächtigen führte. Protokolliert sind von ihm 33 Zugriffe von Jänner bis April 2025, elfmal wurde “geändert.” Anfang Mai 2025 wurden die WKStA-Ermittlungen gegen die beiden Beamten dann eingestellt.

BMI muss bis kommende Woche reagieren

In einer Stellungnahme an den U-Ausschuss teilte das BMI Mitte Februar mit, dass „keine Zugriffe durch nicht berechtigte User erfolgt sind, da sämtliche Zugriffe ausschließlich im Rahmen sachlich erklärbarer Aufgaben durch User vorgenommen wurden, die im Zusammenhang mit der jeweiligen Aktenbearbeitung standen“.

Den Abgeordneten reicht das nicht, sie fordern vom Innenministerium Unterlagen dazu, was im Polizeiakt konkret bearbeitet beziehungsweise geändert wurde. Ausgehend von den Grünen wurde dazu am 12. März eine “Rüge” des Innenministeriums ausgesprochen, die von allen Fraktionen, also auch der ÖVP, unterstützt wurde. Vorangetrieben wird das Thema auch von den Neos: “Gerade wenn es um sensible Vorgänge im Sicherheitsbereich und mögliche politische Einflussnahme geht, braucht es lückenlose Aufklärung und vollständige Aktenlieferungen”, so Sophie Wotschke gegenüber ZackZack. Bis Ende kommender Woche hat das Ministerium nun Zeit, zu reagieren. Allenfalls planen die Parlamentarier, den Verfassungsgerichtshof mit der Angelegenheit zu befassen.

An das BMI richtete ZackZack eine Reihe von Fragen: Etwa, welche legitimen Gründe für nachträgliche Aktenbearbeitungen ganz grundsätzlich bestehen; welche dies konkret im Fall des Pilnacek-Aktes gewesen sein könnten und ob die Zugriffe alle bereits überprüft wurden, wie die Stellungnahme des Ministeriums suggerierte. Eine Anfrage blieb bis Freitagnachmittag unbeantwortet.


Titelbild: HELMUT FOHRINGER / apa / picturedesk.com

Autor

  • Thomas Hoisl

    Ist seit April 2024 bei ZackZack. Arbeitete zuvor u.a. für "profil". Widmet sich oft Sicherheitsthemen oder Korruptions-Causen.

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