Mittwoch, Februar 18, 2026

Für drei Sekunden Jubel

Diskussionen über Politik werden weitgehend von Mystifikationen und Fiktionen bestimmt. Dass die Boulevardpresse sie fördert ist leider wahr. Nun aber beginnt die seriöse Presse von ihr abzuschreiben – für nur drei Sekunden Jubel.

Uhhhhhhhh! Ahhhhhhhh! Österreicher müssen Jubeln. Keine Flugreise mit einer Mehrheit von Österreichern an Bord, wo nicht nach der Landung geklatscht wird. Wenn ein österreichischer Sänger das »Hey, Baby« singt, dann nur, damit das Publikum dazwischen »Uhhhhhhhh! Ahhhhhhhh!« schreien kann. Der freie Raum für die Interaktion mit dem Publikum, das immer gleich und immer nach Plan interagiert, muss sein. Dort wird gejubelt. Aber noch wichtiger als der Jubel sind die Buh-Rufe.

Das World Wide Web hat auch dafür freie Räume geschaffen. Dort, in einer scheinbaren Unendlichkeit, kann sich der Terror der Intimität in Form von »Bewertungen« und »Kommentaren« austoben. Zur gleichen Zeit werden in der Pressesprache die Euphemismen dafür geschaffen, diese unqualifizierte Flut an Ärger, Hass, Rachsucht, Missgunst, Langeweile, Frustration und Minderwertigkeitsgefühlen zu einem Ausdruck legitimierter gesellschaftlicher Partizipation umzudeuten. Wer ein Flüchtlingsheim in Brand setzt, ist ein »besorgter Bürger«, wenn ein Mann seine Frau ermordet, wird ein »Beziehungskonflikt« bewältigt, wenn eine amerikanische Paramiliz eine wehrlose Zivilistin erschießt, heißt es: »Wirbel um Demonstrantin«.

Fiktion wird Wirklichkeit

Ja, das Jubeln und Buhen, das Daumen-Rauf und Daumen-Runter hat längst die Politik erreicht. Und damit ist ein Verständnis wirklicher Politik mit der heutigen Pressesprache gar nicht mehr möglich. Denn langfristige Überlegungen, Relativierungen und rationale Denkmodelle widerstreben dem Drei-Sekunden-Effekt des Daumen-Rauf oder Daumen-Runter, Hero oder Dolm, Sieger oder Verlierer.

So wundert es auch nicht, dass Politikerinnen und Politiker nur mehr dazu Stellung nehmen müssen, wie ihre Umfragewerte sind. Werte, die unter fraglichen Umständen entstanden sind und fiktive Szenarien abfragen, meist sogar unsinnige, weil laut Verfassung bei Wahlen gar nicht anstehende Fragen, wie die »Kanzlerfrage«, gestellt werden. Aber die Fiktion übertont die Wirklichkeit um ein Vielfaches und wird so zur Wirklichkeit.

Ersatz für permanenten Wahlkampf

Nach sieben Jahren Misswirtschaft und Geld-aus-dem-Fenster-Werfen zweier Regierungen, hat eine Regierung sich vorgenommen, die Inflation zu stoppen. Es ist ihr gelungen. Natürlich nicht in drei Sekunden, weil das gar nicht geht. Wen aber kümmert es, dass dieses Ziel erreicht wurde, dass diese Regierung tausend Mal besser arbeitet als ihre zwei erbärmlichen Vorgängerregierungen? Kaum jemanden.

Nun hat das Geschrei um den SPÖ-Vorsitz begonnen. Da schreien Leute mit, die es absolut nichts angeht, wer diese Partei führt. Das, so möchte man meinen, ist eine Sache des Parteitags. Aber nur bei allen anderen Parteien. Die SPÖ muss mehr liefern als alle anderen Parteien, offenbar aufgrund eines ungeschriebenen Gesetzes. Als Ersatz für permanenten Wahlkampf (einen Zustand, den der Boulevard momentan nicht herbeischreiben kann), muss sie eine ewige Führungsdebatte liefern.

Die Dümmsten imitieren

Nun hat ihr jetziger Vorsitzender in seiner Tätigkeit, bevor er Vorsitzender war (denn nicht alle sind wie Herbert Kickl Parteisoldaten, die nie Basisarbeit gemacht haben), bewiesen, dass er Flüchtlingspolitik auch zur Zufriedenheit seiner Kommune machen kann. Also muss man ihm anders ans Zeug flicken: mit Fiktionen. Er hat die Koalition besser verhandelt als seine Vorgänger Gusenbauer und Faymann, er macht bessere Arbeit als seine Ministervorgänger und er ist seiner Überzeugung treu geblieben.

Doch in der Echokammer der Meinungseinheitspresse sind das nur Gründe, ihn weiter vor sich herzutreiben. Dabei imitieren sogar Gescheite die Dümmsten und schreiben von Österreich, heute und der Kronen Zeitung ab, ohne nachzudenken. So etwa Barbara Tóth, die im FALTER meint: »Aber die SPÖ hat noch nicht einmal die Lehren aus dem Flüchtlingsjahr 2015 gezogen …« Falscher könnte sie nicht liegen: Die SPÖ ist die einzige Partei, die überhaupt eine klare und auch verfassungskonforme Flüchtlingspolitik machen will und kann.

Eine schöne Zukunft

Einen weiteren Satz schreibt Tóth offensichtlich gedankenlos hin: Andreas Babler sei eine »lahme, rote Ente«. Keine Politik gegen die Verschuldung, keine Koalition ohne FPÖ, keine progressive Frauenpolitik, keine Sozialpolitik und keinen Schutz für Justiz und Verfassung vor den rechtsextremen Kräften in diesem Land gäbe es ohne die lahme Ente.

Also gut: Dann wünsche ich Frau Tóth, dass sie bald in einem Land leben kann, wo Finanzminister wie Blümel, Brunner et alii die Inflation über zehn Prozent und weiter hinaus treiben; ein Land, wo weiterhin Posten in regionalen Finanzämtern und sonst wo nur an ÖVP-Mitglieder über Anruf bei einem ÖVP-Postenschachermeister vergeben werden; wo die Justiz endlich von der Regierung vernichtet wird; wo Frauenpolitik von einer Ministerin betrieben wird, die sagt, der Feminismus »habe den Frauen geschadet«; und wo die Regierung – die dann nicht von lahmen roten Enten, sondern von fidelen braunen Spatzen betrieben werden wird, den Anschluss Österreichs an Russland endlich vollzieht.

Es ist nichts leichter, als auf die SPÖ zu schimpfen. Journalismus ist es aber keiner. Alles druckt man ab, was völlig erfolglose Lokalpolitiker wie Dornauer, Lercher, Hergovich oder Niessl von sich geben, nur um der SPÖ eins auszuwischen. Irgendwann wird diese Partei nicht anders können, als einen Kurs einzuschlagen, der in vielen Bereichen Positionen der FPÖ kopiert. Man hatte sie fast schon so weit. Aber der Rechtsruck ist nicht passiert.

Aus therapeutischer Sicht

Dass das die Frau Tóth und andere so ärgert, zeigt uns nur eines: wo sie politisch stehen und vor allem, wo sie hin wollen. Viktor Adler hat sich nicht den Sanctus der Reichspost eingeholt, um eine Arbeiterbewegung zu gründen. Und ich kann der SPÖ nur raten, nicht auf die Presse zu hören, entschieden gegen die Anfütterung der Boulevardpresse vorzugehen und alle Parteimitglieder, die statt in Gremien in der Kronen Zeitung ihre Probleme diskutieren, einmal zu verwarnen und beim zweiten Mal dann aus der Partei auszuschließen.

Die Jubelmentalität ist so groß wie die Buhrufer-Mentalität der Motschgerer. Ein wenig könnte man als Journalistin versuchen, dem Motschgern einen Hauch von Objektivität, ein wenig faktenbasierte Nachrichten und ein wenig Weitblick entgegenzusetzen. Ich weiß schon, dass das schwierig ist, denn man hat sich ja vorgenommen, dass Herbert Kickl Kanzler wird, damit man sich in immerwährendes Gesuder flüchten kann und sich dabei noch kritisch fühlt. Man muss nicht Freudianer sein, um die Dringlichkeit des unbewussten Wunschs zu erkennen.

Der unbewusste Wunsch

Die Presselandschaft Österreichs ist von diesem Wunsch besessen. Der Satz »Dann wird Herbert Kickl Kanzler« ist in Österreich schon öfter geschrieben worden, als jeder andere. Trotzdem wird Herbert Kickl nicht Kanzler. Sicher aber wird Kickl am Aschermittwoch wieder Jubel ernten. Drei Sekunden lang.

Kickls Kanzlerschaft ist so sicher, wie die Tatsache, dass Hans Niessl Bundespräsident wird, dass Tassilo Wallentin Bundespräsident wird, die Bierpartei den Einzug in den Nationalrat schafft und Sebastian Kurz ein Wohltäter Österreichs ist. All das sind Mystifikationen. Man kann sie nur als Wahrheit handeln, wenn man nicht nachdenken will oder nicht kann.

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

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