Sonntag, Februar 8, 2026

Der Sieg über die Inflation

Die Teuerungsrate ist laut neuester Schnellschätzung auf ein Normalniveau gesunken. Die Regierung sollte aber nicht hoffen, dass das die Stimmung hebt.

Der Tag beginnt mit einer Eilmeldung: Laut Schnellschätzung der Statistik Austria fiel die Inflation im Jänner auf 2 Prozent. Noch gibt es zwar keine endgültigen Zahlen, schon gar nicht über die im Februar, aber bald wird wohl auch endgültig verkündet werden: Die Teuerungsrate konnte endlich gedrückt worden. Das Volk wird jubeln und der Staatsführung laut applaudieren.

Wird es wirklich?

Zweifel sind angebracht. Denn es ist eine diffizile Sache mit der Inflation, die man erst wirklich begreift, wenn man sie – wie wir – eine längere Zeit lang als Gesellschaft durchlebt. Nämlich: Wenn der Preisauftrieb gestoppt ist, erlebt man das nicht unbedingt als Entspannung. Denn die Folgen des vergangenen Preisauftriebs gehen ja nicht weg. Oder simpler gesagt: Güter, Preise für Dienstleistungen, Gas, Strom, Energie, Miete – sie werden ja nicht billiger, sie werden nur nicht mehr teurer. Das heißt aber: Die sinnliche Erfahrung, das Empfinden, es bleibt ja noch für einige Jahre, nämlich, dass alles viel teurer ist. Außer in ganz wenigen Einzelfällen wird kaum ein Preis sinken. Sie steigen nur mehr langsamer.

Es wird nichts billiger. Es wird nur nicht mehr teurer.

Das Unsicherheitsgefühl, der Groll und das Empfinden, dass selbst diejenigen, die vor ein paar Jahren noch gut über die Runden kamen, jetzt nur mehr mit Ach und Krach ihre Rechnungen bezahlen können, das bleibt ja. Und das sorgt ja für depressive, negative Stimmung und gibt der populistischen Wut Futter. Dieses Grollen wird nicht so schnell weggehen.

Die letzten hohen Inflationsraten gab es Anfang der siebziger Jahre, und die allermeisten heute lebenden Menschen waren damals noch klein oder noch nicht einmal geboren, oder sie waren junge Leute, die das Leben sowieso leichter nehmen. Deswegen hatten die allermeisten von uns keine echte Erfahrung mit Inflation. Wir hatten aber ein Lehrbuchwissen über Inflation, und das lautete salopp gesagt: Inflation ist ein Problem, aber, solange sie sich nicht zur Hyperinflation auswächst, kein so großes. Jedenfalls ist schwaches Wachstum ein viel größeres Problem. Denn: Wenn es Inflation gibt, dann deshalb, weil es starkes Wachstum gibt. Dann laufen die Maschinen der Fabriken auf Hochtouren, die Arbeitskräfte werden knapp, Beschäftigte können kräftige Lohnsteigerungen durchsetzen, damit steigen die Produktionskosten und folglich die Preise. Ist aber nicht so schlimm: Denn die Einkommen steigen ja mit den Preisen, oder sogar schneller als diese. Der Wohlstand wächst, und da tut es niemanden wirklich weh, wenn die Preise auch ansteigen. Massenarbeitslosigkeit ist jedenfalls viel schlimmer als Inflation.

Inflation und Gerechtigkeit

Eine weitere Spielart dieses Lehrsatzes lautete auch, dass Inflation im Grunde zu mehr Gerechtigkeit führt: Die Löhne und Gehälter der normalen Leute steigen mehr oder weniger parallel mit den Preisen mit, weshalb die einfachen Arbeiter und Angestellten kaum verlieren. Wirkliche Einbußen erleiden aber jene Menschen, die große Ersparnisse und Finanzvermögen haben – denn diese sind dann wegen der Inflation weniger wert. Wer Geld zu verleihen hat, verliert. Wer Schulden hat, gewinnt. Ergo: Inflation führt dazu, dass die Ungleichheit sinkt.

Die vergangenen vier Jahre haben uns aber gezeigt, dass diese Lehrsätze mit Vorsicht zu genießen sind. Allerdings müssen wir eine Einschränkung machen: Die Teuerung der vergangenen Jahre ging ja eben nicht mit Gehaltssteigerungen einher, dadurch haben die meisten Menschen ja tatsächlich an Einkommen verloren. Wir haben gar keine „klassische Inflation“ gehabt, die ja vor allem deshalb einsetzt, weil es hohes Wachstum, eine brummende Wirtschaft und Vollbeschäftigung gibt. Unsere Inflation war gewissermaßen importiert, durch höhere Energiepreise und gerissene Lieferketten. Das aber betraf vor allem Europa.

Die psychischen Kosten von Inflation

In den USA gab es auch Inflation, die war aber der klassischen Inflation deutlich ähnlicher. Nach der Corona-Krise erzielten die USA schnell wieder hohe Wachstumsraten, die Arbeitslosigkeit sank, die Löhne stiegen. Joe Biden hatte eigentlich eine famose ökonomische Bilanz vorzuweisen. Und dennoch waren die Amerikaner wütend: Weil die Preise gestiegen waren und dann nicht mehr fielen, obwohl die Teuerung schnell in den Griff gekriegt wurde.

Inflation erhöht den Stress und sogar den gefühlten Stress, wenn sich die wirklichen Nachteile für die Menschen in Grenzen halten. Wer etwas zu verlieren hat, wird durch Inflation in die Arme der Reaktionäre getrieben. Von stärkerem oder schwächerem Wachstum sind auch unterschiedliche Bevölkerungsgruppen unterschiedlich stark betroffen, denn nicht alle Branchen haben die Kampfkraft, um kräftige Lohnerhöhungen durchzusetzen. Von Inflation sind aber alle betroffen. Kurzum: Der Personenkreis, der unter Inflation leidet, ist größer als jener, der von Wachstum profitiert – sogar da, wo es ordentliches Wachstum gibt. Von Inflation sind auch sehr viel mehr Leute betroffen als von Arbeitslosigkeit, sogar in Phasen hoher Arbeitslosigkeit. Eine hohe Inflationsrate trägt sich selbst, höhere Preise führen zu noch höheren Preisen, und bringen damit den Erwartungshorizont einer Gesellschaft durcheinander, sie drehen ihn ins Negative, denn wenn Preise krass und merkbar steigen, wird das als Bedrohung und Eintrübung von Zukunftsaussichten empfunden. Menschen sparen dann aus Angst, was erst recht die Konsumnachfrage reduziert – und damit zu wirtschaftlicher Stagnation führt. Wir können die Folgen von Inflation nicht einfach kühl mathematisch beurteilen, psychologische Faktoren sind in dieser Folgenabschätzung zentral.  

Regierende haben den schwarzen Peter

Die Inflationsrate ist laut neuesten Schnellschätzungen gesunken, aber die Menschen werden nicht sagen: Großartig, endlich ist sie besiegt, die Inflation. Sie werden sagen: Die Preise sind immer noch zu hoch. Alles ist viel teurer. Und hinzu kommt noch eines: Bund, Länder und Gemeinden haben Budgetprobleme, die Defizite sind aus dem Ruder gelaufen – übrigens teilweise auch wegen der Inflation. Um die öffentlichen Haushalte zu konsolidieren, sparen sie nicht nur – sie erhöhen auch Gebühren und Abgaben, um die Defizite zu verringern. Damit tragen sie aber selbst zur Inflation bei. Das ist unumgänglich, wenn wir keine bankrotten Städte, Gemeinden und Bundesländer wollen, wird aber die schlechte Stimmung prolongieren. Parken, die Steuer für den Hund, die Müllabfuhr, die Eintrittspreise in die Bäder – alles wird gerade in diesem Jahr teurer. Und auf den Bürgermeister ist man als Bürger und Bürgerin üblicherweise mehr sauer, wenn die Preise steigen, als auf den Wirt, der den Preis für das Krügerl Bier von fünf auf sechs Euro erhöht, und den man meist nicht einmal mit Namen kennt.


Titelbild: Miriam Moné

Autor

  • Robert Misik

    Robert Misik ist einer der schärfsten Beobachter einer Politik, die nach links schimpft und nach rechts abrutscht.

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