Die deutsche Wochenzeitung DIE ZEIT widmet Markus Marterbauer einen langen Artikel. Dort werden viele unkritische Kommentare aus österreichischen Medien kritiklos wiederholt, aber es werden auch Dinge gesagt, die man in Österreich nicht lesen kann.
Der frühere Spittaler Mastermind der rechts-rechten Regierungen Wolfgang Schüssels, Wolfgang Rosam, nannte ihn beim Amtsantritt einen »Linkslinken« und verwendete damit ein in den 1990er-Jahren aufgekommenes Schimpfwort der Neo-Faschisten: Die Rede ist von Markus Marterbauer. Der Hintergrund für diese Beschimpfung ist Neid.
Seit die ÖVP das erste Mal in der Zweiten Republik nicht in einer Regierung vertreten war – im Jahr 1970 –, propagierte diese Partei unablässig eine notwendige Budgetsanierung. Dann stellte sie von 2000 bis 2025 den Finanzminister. Und alle von ihnen haben das Land in einer Rekordverschuldung hinterlassen: Karl-Heinz Grasser, Josef Pröll, Gernot Blümel und auch Magnus Brunner waren Rekordhalter in der Geldverschwendung. Letztere haben dazu auch noch die Öffentlichkeit über den tatsächlichen Zustand des Bundeshaushalts getäuscht. Mit beidem hat Marterbauer Schluss gemacht. Er kann das, was die ÖVP immer nur angekündigt hat. Und die Menschen in Österreich verstehen das. Christian Bartlau in DIE ZEIT:
[…] Marterbauer schreibt eine der raren Erfolgsgeschichten der Bundesregierung, und eine denkbar ungewöhnliche dazu: Der 60-jährige linke Ökonom aus der Arbeiterkammer wurde bei seiner Berufung im März 2025 als »Sprengmeister der Koalition« und beinharter Ideologe verschrien. Sein Job glich einem Himmelfahrtskommando. Weil das bis dahin ÖVP-geführte Finanzministerium lange mit falschen Zahlen hantierte und Rezession herrschte, klaffte plötzlich ein Haushaltsloch von weit mehr als den erlaubten drei Prozent des BIP. Marterbauer brachte ein Doppelbudget mit 15 Milliarden Euro Einsparungen zusammen, als Schmalhans zwangshalber hatte er monatelang nichts zu verteilen außer schlechten Nachrichten und Sparvorgaben. Und trotzdem weist ihn der Vertrauensindex der APA als beliebtesten Politiker der ganzen Regierung aus.
Offensichtlich ist das Geld-Verteilen, wie es rechtspopulistische Politiker wie Jörg Haider auf der Straße getan haben, oder Sebastian Kurz durch seine damalige rechte Hand Thomas Schmid ermöglichen ließ, bereits ein öffentlicher Anspruch geworden. (»Jetzt kannst du Geld scheißen«, schrieb Schmid an Kurz. Über den symbolischen Zusammenhang zwischen Geld und Kot verweise ich auf mehrere Ausführungen bei Sigmund Freud.)
Sozialpartnerschaft und Budgetmoral
Marterbauer weiß: Geld kann man nicht scheißen. Er nimmt als Erster seit mehr als einem Vierteljahrhundert die notwendige Budgetmoral und die Pflicht zur korrekten Information der Öffentlichkeit ernst. Und er ist kompromissbereit und muss es angesichts der Mandatsverhältnisse im Parlament auch sein. Dazu bindet er die Sozialpartnerschaft, die eine jahrzehntelange Erfolgsgeschichte in Österreich hinter sich hat, und von Kanzler Sebastian Kurz kaltgestellt wurde, wieder in politische Prozesse ein. Bartlau dazu:
Als Ökonom arbeitete er lange am Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo und später als Budgetexperte bei der Arbeiterkammer. Immer im Rahmen der Sozialpartnerschaft, darauf legt er Wert. Ein Ideologe, ein Spalter, so wie ihn manche vor seinem Amtsantritt sahen, das will er nicht sein. »Das war schon unangenehm, so etwas über sich zu lesen«, sagt er.
Kein Politiker zu sein wie andere, das scheint derzeit ein Erfolgsmodell. Marterbauer fällt es denkbar leicht. Auch zehn Monate nach seinem Amtsantritt fremdelt er noch mit der Rolle des Politikers und vor allem mit der Bühne, auf der sie gespielt wird. Das wird besonders in diesen Jännertagen offensichtlich, kurz nach der Regierungsklausur in Mauersbach [sic!] (Anm.d.Verf.: gemeint ist offensichtlich Mauerbach). Marterbauer war nicht anwesend und verfolgte aus der Ferne, wie sich die Regierungsspitzen in nächtlicher Sitzung auf die Halbierung der Mehrwertsteuer für Grundnahrungsmittel einigten, gegen seinen Willen. Sie brauchten einen PR-Coup. Und der Finanzminister auf die Schnelle eine Idee, wie sie sich seriös gegenfinanzieren lassen kann.
Kein Politiker zu sein wie andere – das heißt heute wohl, redlich zu arbeiten und die Wahrheit zu sagen. Dazu gehört es eben auch, klarzustellen, dass eine Steuersenkung keine Preissenkung ist.
Beliebtheitsabfragen des Boulevard
Christian Bartlaus Artikel beschreibt zunächst eine Veranstaltung in Kirchberg an der Pielach in Niederösterreich, an der SPÖ-Parteichef und Vizekanzler Andreas Babler und Finanzminister Marterbauer teilgenommen haben. Und auch Bartlau lässt sich, wie so viele seriöse Medien, auf die unseriöse Berichterstattung von Boulevardmedien über Politik ein, die auf dubiosen Umfragen und vor allem nicht auf Sachfragen, sondern Beliebtheitsabfragen basiert. Zuerst zitiert er just eine Umfrage des Privatsenders ATV. Dann kommt es noch dicker:
Dass sich der hohe Besuch in die Provinz verirrt, wird vor Ort als Dienst an der Basis verkauft, hat aber natürlich einen ernsten Hintergrund: den Parteitag am 7. März. Noch immer kursieren Gerüchte, dass es einen Gegenkandidaten zu Andreas Babler geben könnte. Der Parteichef ist unpopulär, außerhalb der SPÖ sowieso, aber auch intern. Er braucht jede Stimme für ein gutes Ergebnis, also braucht er Kirchberg.
Hier geht der Autor der »Berichterstattung« der Kronen Zeitung und ihrer Generika heute und Österreich auf den Leim. Sie wollen mehr Förderungen und Inserate von der Bundesregierung – das ist das Erste, was ein Kanzler Kickl oder Kurz jetzt politisch tun würde. Daher favorisieren diese Zeitungen Rechtsextreme.
Außerdem schreiben die Boulevardmedien seit Jahren dasselbe über jede/n SPÖ-Vorsitzende/n. Christian Kern und Pamela Rendi-Wagner wurden genauso gebasht. Ich habe hier einmal eine Timeline des Kern-Bashings aus dem Jahr 2017 veröffentlicht und habe diese Tag für Tag dokumentiert. Es ist sinnlos, sich von den Boulevardmedien Zustimmung oder korrekte Berichterstattung über die SPÖ zu erwarten. Sie wollen einen Rechtsruck der SPÖ und ihre Zusammenarbeit mit der FPÖ. Wenn das geschieht, dann ist wiederum eine sozialdemokratische Partei sinnlos geworden.
Schreihälse und ihre Personaldebatten
Bartlau könnte das aufarbeiten. Es wäre vor allem für deutsche Leserinnen und Leser wichtig zu verstehen, welchen medialen Druck rechte Medien in diesem Land ausüben, wie es Bild, WELT und FAZ in Deutschland auch tun. Stattdessen gibt auch Bartlau der nicht vorhandenen Personaldebatte viel Raum. Nur bringt er nicht – wie vor kurzem die Kronen Zeitung und ihre Abschreiber – Christian Kern als kommenden Vorsitzenden ins Spiel, sondern Markus Marterbauer:
Es gibt Menschen, die halten das für einen denkbaren nächsten Schritt für Marterbauer. Zumindest tauchte sein Name zuletzt in der stets auf Hochbetrieb laufenden SPÖ-Gerüchteküche auf, als potenzielle Ablöse von Andreas Babler. Auf diese Idee muss man aber auch erst einmal kommen.
In Kirchberg und auch sonst ließ er keinen Zweifel an seiner Loyalität zu Babler. »Der Grund, warum ich jetzt hier bin, ist nur der Chef«, sagte er und zeigte auf Babler. Den ewigen Führungsstreit hält er, wie er sagt, für »das größte Manko der SPÖ in den letzten zehn Jahren«. Was aber, wenn Babler sich nicht mehr halten kann, gibt es dann noch einen Finanzminister Marterbauer? »Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht«, sagt Marterbauer nur. Für einen guten Parteichef halte er sich jedenfalls nicht: »Ich kenne meine Stärken und meine Schwächen.«
Markus Marterbauer ist nicht nur ein hervorragender Sachpolitiker, sondern auch Sozialdemokrat und somit (es steckt schon im Wort drinnen) auch Demokrat. Das bedeutet, dass er an innerparteilichen Prozessen teilnimmt, wenn sie am richtigen Ort betrieben werden: innerhalb der Partei.
In Österreich ist es Mode geworden, dass jeder Schreihals, der in die Zeitung kommen möchte, zur Kronen Zeitung läuft, um dort die SPÖ zu kritisieren, anstatt sein Anliegen in Parteigremien zu diskutieren. Denn dort wird SPÖ-Kritik sofort abgedruckt, egal wie dumm oder falsch oder unbedeutend sie auch sein mag. Diese Verzerrung hat bereits einige Wichtigtuer korrumpiert, die ihrer Partei nicht helfen, sondern ihr in den Rücken fallen. Es ist schade, dass die ZEIT hier nicht genauer differenziert. Immerhin aber macht der Artikel klar: Markus Marterbauer gehört nicht zu diesen Schreihälsen.
Titelbild: Manon Véret


