Montag, April 20, 2026

Die einfache Welt der falschen Patrioten

Die falschen Patrioten kleben überall ihr Nationalfähnchen drauf, als wäre alles ein Privatbesitz.

Häufig wird die Frage gestellt: „Was treibt Leute den Rechten in die Arme?“. Sie höre so oft, schreibt die Philosophin Eva von Redecker, „Warum glauben Leute, dass sie sich besser fühlen, wenn es anderen schlechter geht?“. Sie staune da häufig und frage sich, „ob etwas bei mir verkehrt ist, weil ich das so vollkommen verständlich finde. Wir leben in einer Konkurrenzgesellschaft. Natürlich fühlt man sich manchmal besser, wenn es anderen schlechter geht.“

Oft habe sie den Verdacht, dass das Staunen darüber eine Art heuchlerischer Verständnislosigkeit geschuldet ist, die hauptsächlich der eigenen Profilierung dient. Simpel gesagt: Man tut so, als würde man vor dieser Tatsache völlig verständnislos stehen, um damit zu markieren: Man ist ja selbst ein so viel besserer Mensch, dass man das noch nicht einmal nachvollziehen kann. „Dieser Drang nach Härte“ heißt Redeckers neues Buch, das gerade viel Aufmerksamkeit bekommt. Darin will sie den „neuen Faschismus“ ein wenig tiefer ergründen.

Sie führt einen neuen Begriff ein, der zugleich zur Schlüsselvokabel ihrer Analyse wird: das Wort „Phantombesitz“. Rechte Affekte und Leidenschaften entzünden sich um imaginiertes Eigentum, das gegen andere verteidigt werden muss. Das kann das Auto mit Verbrennermotor sein, die Aussicht auf die Landschaft ohne Windräder, die exklusive Staatsbürgerschaft – auch ein „Besitz“ den man hat, und der an Wert verliert, wenn andere auch Zugang zu ihm haben –, sogar die Identität als weißer, männlicher, respektierter Fabrikarbeiter kann da zu einer Art „Vermögen“ werden, das verteidigt werden muss. Auch Sicherheit und die Sicherheitsgarantien des Sozialstaats sind ein Vermögen, das gegen Konkurrenz verteidigt wird, wenn das Vertrauen auf die Haltbarkeit der Leistungsniveaus schwindet. Selbst der Arzttermin wird dann zum „Phantombesitz“. Der falsche Patriot klebt überall sein Nationalfähnchen drauf. Zudem: Das Alte wäre ja nicht alt, das Gewohnte wäre nicht gewohnt, hätte es sich nicht bewährt. Auch dieses „Gewohnte“ ist dann ein „Quasi-Eigentum“, das man verteidigt.

Kapitalismus und Kult des Eigentums

Bedeckers Begriff vom Besitz ist natürlich, das ist seine Schwäche, hochgradig feuilletonistisch, ziemlich umfassend, recht vernebelt und auch maximal ungefähr, sodass man schon so ziemlich alles darunter subsumieren kann, sogar die Blicke, die ich in der U-Bahn ernte (ein respektvoller Blick „steht mir zu“). Seine Stärke ist freilich, dass sie die grassierenden Ressentiments, den Rassismus, die Ausländerfeindlichkeit, den maskulinischen Sadismus der Manosphere, die sexuelle Gewalt, irgendwie mit der Eigentumsordnung in einer kapitalistischen Gesellschaft verbindet. Die Betonung liegt halt auf „irgendwie“. „Irgendwie“ rettet man damit die alte Parole, dass der Faschismus aus dem Kapital kommt. „Wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“, lautet die berühmte alte Formel des Gesellschaftstheoretikers Max Horkheimers, eines der Gründerväter der „Frankfurter Schule“.

Es gibt einen grassierenden Kult der Härte, alle rechtsextremen Agitatoren spielen auf dessen Klaviatur, und diese Härte kommt nicht aus den Individuen, sondern aus der Gesellschaft, einer Gesellschaft, die die Vorstellung vom Naturzustand, von einem Krieg aller gegen alle, von der Konkurrenz der Individuen zu ihrem Bild der Wirtschaft verwandelt hat, zu versimpelten Wahrheiten von „Konkurrenz“, von „Wettbewerb“, des stetigen Kampfs um „Aufstieg“ und gegen „Abstieg“.

Es kann auch nicht verwundern, dass die Krisen der Gegenwart nicht unbedingt Solidarität stiften, sondern diesen Kult der Härte sogar „triggern“, wie man heutzutage sagt. Wenn es kein Wachstum mehr gibt, der Wohlstand stagniert, dann kämpft man um sein eigenes Stück vom Kuchen; wenn die ökologische Krise dazu führt, dass das Versprechen auf künftigen Überfluss verpufft (weil der Überfluss selbst die Krise ist), dann setzt logischerweise das Hauen und Stechen um die Krümel ein. All das macht Redecker mit dem Begriff des „Phantombesitzes“ spürbar.

Wo Bürgerrechte so knapp werden wie Öl und Gas, verteidigt man sie wie einen Besitz und will davon nichts abgeben. So richtig weiß ich aber noch nicht, ob ich Redeckers Konzeption für schlau halte, oder für einen billigen unpräzisen Trick -oder irgendetwas dazwischen.

Der Faschismus ist ein Kind der Moderne

Faktum ist freilich: Der Faschismus, der Kult der Härte und der Autoritarismus, sie sind nicht der Gegensatz von Demokratie, Kapitalismus und liberaler Moderne – sie sind deren immerwährendes Potential. Sie sind daher auch keine Restbestände des Unaufgeklärten, quasi Überbleibsel des Unmodernen, des Alten. Sie sind keine Relikte des Früheren. Faschistische Agitatoren haben schließlich immer schon die Trommel der Propaganda gerührt, die dunklen Leidenschaften der Wähler und Wähler zu kitzeln versucht, weshalb sie die missratenen Geschwister der demokratischen Massengesellschaft sind. Wo es keine Meinungsfreiheit und Massendemokratie gibt, bräuchte es auch keine manipulative Propaganda. Ohne demokratische Massengesellschaft bräuchte es keine faschistische Agitation. Der Faschismus ist insofern nicht nur das Gegenteil, sondern auch der Zwilling der Demokratie. Weshalb er ja immer in der Demokratie gedeiht, bevor er sie abschafft.

Schon die klassischen Studien zum „autoritären Charakter“, vor allem die großen Arbeiten des Frankfurter Instituts für Sozialforschung – erst in der Zwischenkriegszeit, dann im Exil in den USA und schließlich in der Nachkriegszeit wieder in Frankfurt – haben vor allem eines gezeigt: Dass das Potential des Faschismus nicht an der Peripherie, sondern im Kern der modernen Erfahrung liegt. Das autoritäre Potenzial sitzt im Inneren der bürgerlichen Normalität.

Autoritarismus – eine Charaktereigenschaft?

Schon diese frühen Studien haben unterstrichen, dass ein Hauptmerkmal des autoritären Charakters seine Ambivalenz ist, nämlich Unterwerfung unter Autorität, Konventionalismus, das Kriecherische, der Terror der Normalität auf der einen Seite und die destruktive Rebellion, das aggressive Aufbrausende und Fanatische auf der anderen Seite.

Ebenso paradox: Inmitten hochrationalisierter industrieller Gesellschaften mit ihrer Verwissenschaftlichung und ihrer komplexen Administration gedieh das Irrationale. Der potentielle Faschist ist stolz auf die Individualität und doch voller Angst, abzuweichen. Unterwürfigkeit, autoritäre Aggression, Aberglaube, Stereotypie, Machtdenken und Kraftmeierei, Vorurteile, Destruktivität und Zynismus, all das haben Forscher um Theodor W. Adorno und andere als die Charakterattribute des autoritären Typus herausgearbeitet. Dabei wollten sie vor allem herausfinden, welche emotionale Prägungen jene Menschen haben, die anfällig dafür sind, also: was das potentiell faschistische Individuum ausmacht. Heutige Forschung hat diese Ergebnisse leicht modifiziert: Einerseits sind die meisten Leute mittlerweile nicht mehr in autoritären Familien und repressiven Institutionen sozialisiert, Konformismus ist heute kein allgemein gepredigter Wert, sondern eher „Selbstverwirklichung“.

Außerdem ist fraglich, ob es wirklich so fixe Prägungen gibt, die für Autoritarismus anfällig machen, oder ob man nicht eher ein „dynamisches Modell“ braucht – also ein Verständnis dafür, wie sich Menschen zu faschistischen Charakteren verändern können, wenn Umstände, gesellschaftliche Krisen und Hass-Agitation zusammenkommen. Also beispielsweise: Stagnation, Inflation, Massenmigration und Hassmaschinen von Boulevard und Internet können auch liebenswürdige Menschen in Monster verwandeln.

Die großen Feldstudien zum potentiell faschistischen Individuum sind heute weitgehend mit dem Namen Adornos verbunden, was selbst schon ein hochinteressanter, spannender Wissenschaftskrimi ist. Das liegt vor allem daran, dass bis dato die Gesamtstudie nicht auf Deutsch vorliegt und Adorno einfach in der Nachkriegszeit die berühmteste Figur wurde, aber die Arbeit hat eine Forscher- und Forscherinnengemeinschaft gemacht.

Hang zu rigiden Denkmanieren

Eine Zentralfigur war Else Frenkel-Brunswick, die in Lemberg geboren wurde, 1914 mit ihrer Familie vor einem Pogrom nach Wien flüchtete, im Roten Wien sozialisiert wurde und dann vor den Nazis in die USA flüchtete. In ihren Beiträgen zur Studie untersucht sie etwa die „Etablierung von Männlichkeit beim Jungen“, das häufige Zurschaustellen „von ‚Härte‘ und Rücksichtslosigkeit“ bei jungen Männern und deren Korrelation mit antidemokratischen Überzeugungen, als hätte sie Figuren der Manosphere und „Tradwives“ vor Augen gehabt. Damit einher geht die „Verherrlichung“ von männlichen und weiblichen Rollenbildern bei Männern und Frauen. Die Eltern der am meisten verhärteten jungen Menschen waren oft mit „Statusproblemen“ beschäftigt, fand sie heraus, und haben ihren Kindern daher rigide Regeln vermittelt.

Zugleich entdeckte sie schon früh die Gefahren unsicherer Männlichkeit, was sie mit der Wendung „die Angst, ein Trottel zu sein“, charakterisierte, die typisch für autoritäre Persönlichkeiten sei. Der wohl verbreitetste Aspekt der Persönlichkeitsstruktur des extrem voreingenommenen Individuums war für Frenkel-Brunswick „seine Rigidität“, die „Rigidität der Denkweisen“, die keinen Platz für „Ambivalenz und Mehrdeutigkeiten“ lasse. Das rigide Individuum fühlt sich durch Mehrdeutigkeit bedroht. Später prägte die brillante Forscherin den Begriff der „Ambiguitätsintoleranz“. In ihren Forschungen zum autoritären Charakter formulierte sie den bemerkenswerten Satz: „In unserem heutigen Kampf um eine Stärkung der toleranten, liberalen Sichtweise müssen wir möglicherweise vermeiden, dem voreingenommenen Individuum mehr Unklarheiten zu präsentieren, als es aufnehmen kann.“ Was soviel heißt, wie: Wenn wir zu viele progressive Reformen durchsetzen, provozieren wir autoritäre Verhärtungen. Auch das ist ja eine These, die in unseren Tagen kontrovers und heftig diskutiert wird, ohne dass irgendjemand weiß, dass eine heute fast vergessene jüdische Vertriebene aus dem Roten Wien das schon vor 76 Jahren so salopp formuliert hat. Übrigens: 2027 werden endlich wesentliche Teile von Frenkel-Brunswicks Werk auf Deutsch bei Suhrkamp erscheinen – als Herausgeber fungiert Andreas Kranebitter, der wissenschaftliche Leiter des Wiener „Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes“ (DÖW), wofür er hier schon vorauseilend gefeiert sei.

Ambiguitätsintoleranz und die Panik vor Mehrdeutigkeit  

Autoritäre Persönlichkeiten zeichnen sich durch eine starre, stereotype Denkstruktur aus, die Ambivalenz kaum erträgt. Mehrdeutigkeit wird vermieden, Komplexität reduziert. Diese kognitive Vereinfachung ist nicht bloß ein intellektueller Mangel, sondern eine psychische Stabilisierungstechnik: In einer als bedrohlich erlebten Welt bietet das starre Schema Halt.

Entsprechend werden soziale Normen äußerlich übernommen und absolut gesetzt: Sauberkeit, Ordnung, Konformität gelten als moralische Kategorien, Abweichung als Verfall. Vorurteile gegenüber Minderheiten – bis hin zum Rassenwahn und zur fanatischen Xenophobie – haben überdies die so famose wie gefährliche Eigenart, dass sie den ganz einfachen, normalen Leuten einer Mehrheitskultur erlauben, sich als Elite zu fühlen und, wie Adorno das formulierte, „für die Ahnung ihrer Ohnmacht an einer potentiell wehrlosen Minorität sich zu rächen“. Demgegenüber stehen Persönlichkeiten mit niedrigen autoritären Ausprägungen: Sie sind weniger rigide, offener für Ambivalenzen und eher bereit, Konflikte rational auszutragen. Der Kampf zwischen autoritären und demokratischen Dispositionen verläuft nicht nur zwischen Gruppen, sondern „prägt jeden einzelnen Menschen“, wie es Frenkel-Brunswick formulierte.

Die politische Konsequenz ist ambivalent: Wer autoritäre Strukturen bekämpfen will, muss ihre psychologischen Voraussetzungen verstehen. Eine rein moralische Verurteilung greift zu kurz. Gleichzeitig zeigen all die Forschungen zum Autoritarismus, dass Demokratie nicht nur eine Frage von Institutionen ist, sondern auch von Persönlichkeitsstrukturen – und dass ihre Verteidigung immer auch ein Kampf um Formen des Fühlens, Denkens und Wahrnehmens ist.

Autor

  • Robert Misik

    Robert Misik ist einer der schärfsten Beobachter einer Politik, die nach links schimpft und nach rechts abrutscht.

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