Die Hörbücherei bietet Blinden und Leseschwachen ein einzigartiges Angebot. Nun steht die einzige Einrichtung ihrer Art wegen Kürzungsvorhaben mehrerer Bundesländer vor dem Abgrund. Österreich wäre das einzige EU-Land ohne vergleichbare Institution.
Die Ursprungsidee einer Bücherei für Blinde und Sehbehinderte entstand im Jahr 1957. Damals wollte der Kriegsblindenverband seinen Mitgliedern, die in den beiden Weltkriegen erblindet sind, die Möglichkeit geben, eigenständig Bücher zu konsumieren. Ein Jahr später gründete der Zivilblindenverband ebenfalls eine eigene Bücherei.
Beide wurden 1989 zu einer einzigen zusammengeschlossen. Seither hat sich die Hörbücherei, die seit 1990 so heißt, kontinuierlich weiterentwickelt. “Wir wachsen stetig”, sagt der Leiter der Hörbücherei, Alexander Guano, im Gespräch mit ZackZack.
Nun steht die einzige österreichische Einrichtung ihrer Art aber vor dem Aus. Grund ist die drohende ausbleibende Förderung durch einige Bundesländer. Guano will das im Interesse der NutzerInnen nicht hinnehmen kämpft um ihr Überleben.
Oberösterreich preschte vor
Eigentlich war die Finanzierung der Hörbücherei durch einen aufrechten Beschluss zwischen Sozialministerium und den Sozialreferenten der Bundesländer abgesichert. Ein Drittel der Förderung kommt vom Sozialministerium der Rest von den Bundesländern. Je nach Anzahl der Konsumenten in den Ländern unterstützten diese die Hörbücherei mit einem Betrag. Vorarlberg brachte für die Einrichtung zuletzt jährlich 9.500 Euro auf, Wien steuerte 105.000 Euro bei. Derzeit führt das Sozialministerium eine Evaluierung der Hörbücherei durch – das Ergebnis könnte zu einem neuen Beschluss zwischen Ministerium und Sozialreferenten führen.
Das Evaluierungsergebnis wollte Oberösterreich nicht abwarten. Das schwarz-blaue Bundesland preschte noch während des Evaluierungszeitraums vor und stellte die Förderung einseitig ein. Als Grund gab man technischen Fortschritt und die weitreichende Verfügbarkeit von Hörbüchern am freien Markt an. Angebote, „welche auch von sehbehinderten Menschen genutzt werden können“, wie es aus dem Büro des oberösterreichischen Soziallandesrat Christian Dörfel (ÖVP) heißt. Man würde die Zahlungen einstellen, „weil eine weitere Förderung nicht mehr notwendig ist“, erklärt ein Vertreter Dörfels auf ZackZack-Anfrage.
Niederösterreich, Vorarlberg und Tirol folgen
Schnell erklärte auch Niederösterreich zunächst, die Förderungen einstellen zu wollen. Es folgten Vorarlberg und – als einziges nicht schwarz-blaues Bundesland – Tirol. Die Argumente waren überall ähnlich. Hörbücher seien mittlerweile am freien Markt leicht zugänglich und es bestehe daher kein Bedarf der Länder, budgetäre Mittel für die Existenz der Hörbücherei aufzuwenden. Für Vorarlberg „eröffnen die zunehmende Digitalisierung, barrierefreie Medienangebote und die technische Weiterentwicklung im Bereich der Sprachausgabe neue Möglichkeiten der Teilhabe“.
Einzig die Argumentation Tirols überraschte. Guano gegenüber teilte das Büro der Tiroler Soziallandesrätin Eva Pawlata (SPÖ) mit, die Bücherei nicht mehr zu fördern, weil deren Finanzierung durch den Wegfall anderer Bundesländer nicht mehr garantiert werden könne.
Niederösterreich ist hinter Wien das zweitrelevanteste Bundesland für die Hörbücherei. Im Jahr 2025 stellte man der Einrichtung 56.875 Euro zur Verfügung. Insgesamt würden in etwa 150.000 Euro im Budget der Bücherei fehlen, wenn alle vier Bundesländer ihre Beiträge einstellen. Ein kleiner Betrag für die Länder – ein großer für das Leseerlebnis von blinden und leseschwachen Menschen in Österreich. Auch die Steiermark will die Unterstützung kürzen.
Kursänderung in Niederösterreich – und Tirol?
Gegenüber ZackZack sagt Guano, dass spätestens im Frühjahr eine gesicherte Finanzierung vorliegen muss. Ansonsten müsse die Hörbücherei ihre Pforten für immer schließen. Nach Herbst 2026 könnte man die MitarbeiterInnen bei ausbleibender Förderung der Bundesländer nicht mehr bezahlen. Guano warnt: „Falls es die Hörbücherei einmal nicht mehr gibt – wiederaufbauen kann man das schwer.”
Ein erster Hoffnungsschimmer blitzte Mitte Februar auf. Niederösterreich erklärte sich nach einem Treffen mit Guano bereit, die Förderung wiederaufzunehmen. In welcher Höhe ist noch unklar.
Auch Vorarlberg kann sich nach positiver Evaluierung des Sozialministeriums eine Unterstützung ab 2027 wieder vorstellen: „Wir stehen im direkten Kontakt mit der Hörbücherei und haben den Verantwortlichen eine ergebnisoffene Prüfung einer Unterstützung ab 2027 auf Grundlage dieser fachlichen Klärung zugesagt.“
Auch Tirol signalisierte ZackZack nach der Entscheidung in Niederösterreich grundsätzliche Bereitschaft, die Hörbücherei zu fördern. Ein Sprecher von Soziallandesrätin Pawlata sagte im Gespräch mit ZackZack: „Wenn Niederösterreich jetzt seine Position geändert hat, werden wir uns das auch noch einmal anschauen.“ Man wolle sich jedenfalls „gesprächsbereit zeigen. Voraussetzung dafür sei aber, dass eine Weiterführung insgesamt gesichert sei.“ Neuerliche Gespräche zwischen Pawlata und Guano fanden noch nicht statt. Doch die Zeit drängt. Die Einrichtung braucht auch für 2026 die dringend deckende Finanzierung – 2027 könnte es schon zu spät sein.
Spezielles Angebot für Blinde und Leseschwache
Die Hörbücherei ist die einzige anerkannte Kompetenzstelle für barrierefreie Medien in Österreich. Ihre digitalen und haptischen Angebote können gratis von Personen genutzt werden, die darauf Anspruch haben. Sie unterscheiden sich grundsätzlich vom Angebot am freien Markt. So vertont die Hörbücherei für ihre NutzerInnen nicht nur Werke auf Anfrage, sondern produziert auch Sachbücher, die diese für ihren Beruf oder ihr Studium benötigen. Die Sprachgeschwindigkeit der Hörbücher kann verstellt und eigene Anmerkungen und Notizen einfach eingefügt werden.

Credits: Hörbücherei BSVÖ
Viele NutzerInnen beziehen Mindestpension und könnten ihren Lesebedarf auch aus finanziellen Gründen nicht am freien Markt decken. Eine Nutzerin aus Niederösterreich klagt: „Blinde und alte Menschen sind nicht deshalb benachteiligt, weil sie den Markt „falsch nutzen“, sondern weil der Markt ihre Lebensrealität ignoriert.“
Sollte die Hörbücherei tatsächlich schließen müssen, wäre Österreich laut Guano das einzige EU-Land ohne eine solche Kompetenzstelle für barrierefreie Medien. Durch ihre internationale Kooperation mit anderen vergleichbaren Einrichtungen haben NutzerInnen Zugang zum Angebot von über 60 Partnerinstitutionen. Die Frage ist, wie lange noch.
Titelbild: Hörbücherei BSVÖ


